„Wer es zuhause warm hat, handelt im Notfall gelassener“

Prof. Dr. Michael Mäs über gesellschaftliche Wahrnehmungen von Versorgungssicherheit, die Polarisierung rund um das Thema Holzenergie – und warum Nachbarschaftshilfe und Transparenz entscheidender sein können als technische Detailfragen. Dr. Michael Mäs ist Professor für Soziologie und Computational Social Science am Karlsruhe Institut of Technology (KIT). Zentrale Forschungsfragen seiner Arbeit beziehen sich auf die Ursache von Meinungspolarisierung im Internet und deren Einfluss auf öffentliche Debatten und demokratische Entscheidungsprozesse. Das Interview führte Dr. Johannes Gerstner von der Initiative ofenzukunft.de.

Welche Rolle spielt das Thema Versorgungssicherheit aktuell in der Wahrnehmung der Bevölkerung – also im Sinne von Systemdienlichkeit, Stromspitzen und genügend Elektrizität, wenn die Wärmepumpen anspringen?

Prof. Dr. Mäs: Seit dem Krieg in der Ukraine ist die Energieversorgung ein Dauerthema in der öffentlichen Debatte. In Deutschland sind die Rahmenbedingungen besonders herausfordernd: Wir haben uns entschieden, die Atomkraftwerke abzuschalten, wir verfügen nur über wenige eigene fossile Energieträger, und die russischen Gaslieferungen sind weggefallen. Das bedeutet, dass wir auf andere Quellen angewiesen sind, neue Technologien einführen und Infrastrukturen aufbauen müssen. Das ist nicht nur technisch anspruchsvoll, sondern auch mit enormen Kosten verbunden, und genau hier setzt die gesellschaftliche Diskussion an. Wenn man sich anschaut, wie diese Debatte geführt wird, erkennt man, dass sie stark entlang politischer Linien verläuft. Parteien im linken Spektrum treiben den Umbau offensiv voran, während konservative und rechte Kräfte das Thema als überzogen oder ideologisch motiviert kritisieren. So entsteht ein stark polarisiertes Bild, das oft mehr von politischen Lagerkämpfen geprägt ist als von einer nüchternen Abwägung. Und das ist kein rein deutsches Phänomen. In den Niederlanden konnte man ähnliche Entwicklungen beobachten, und in den USA sieht man es sehr deutlich: In Kalifornien wird massiv in erneuerbare Energien investiert, während die Trump-Regierung solche Projekte und sogar Forschungsprogramme gestoppt hat. Versorgungssicherheit und Resilienz sind also nicht nur technische oder wirtschaftliche Fragen, sondern auch gesellschaftliche Reizthemen, die sich leicht mit politischen Konflikten verbinden.

Wird das Risiko von Blackouts oder Energieengpässen in der Bevölkerung realistisch eingeschätzt oder eher verdrängt?

Prof. Dr. Mäs Aus sozialwissenschaftlicher Sicht lässt sich beobachten, dass viele Menschen es für unwahrscheinlich halten, dass es bei uns zu großflächigen und länger andauernden Stromausfällen kommt. Das liegt daran, dass wir seit Jahrzehnten eine stabile Versorgung erlebt haben. Gleichzeitig wissen wir aus anderen Bereichen, dass komplexe Systeme anfällig für Kaskadeneffekte sind: Fällt eine Komponente aus, geraten andere unter Druck, und das kann sich fortsetzen. Solche Prozesse sind selten, aber sie können erhebliche Folgen haben. Dazu kommt, dass wir unser Energiesystem gerade mit hoher Geschwindigkeit umbauen: Wir reduzieren fossile Energien, wir haben Atomkraftwerke abgeschaltet, wir integrieren erneuerbare Energien und bauen parallel die Elektromobilität massiv aus. All das erhöht die Komplexität und damit auch die Risiken, weil zusätzliche Abhängigkeiten entstehen. Technisch ist Deutschland sicher gut aufgestellt, aber ich glaube, dass die Gefahr in der Öffentlichkeit oft unterschätzt wird. Viele Menschen verdrängen diese Szenarien, weil es unbequem ist, sich damit auseinanderzusetzen. Solange das Licht brennt und die Wohnung warm ist, denkt man nicht darüber nach, wie verletzlich das System eigentlich ist.

In diesem Zusammenhang wird oft über dezentrale Infrastrukturen wie Holzöfen gesprochen. Welche Rolle können sie aus Ihrer Sicht spielen?

Prof. Dr. Mäs: Dezentrale Lösungen wie Holzöfen haben eine doppelte Wirkung. Zum einen können sie im Ernstfall praktisch helfen, indem sie Wärme bereitstellen, wenn zentrale Strukturen nicht funktionieren. Zum anderen vermitteln sie den Menschen ein Gefühl von Handlungsfähigkeit. Wer weiß, dass er seine Wohnung im Notfall auch ohne zentrale Infrastruktur heizen kann, fühlt sich weniger ausgeliefert. Dieses Gefühl von Sicherheit und Kontrolle ist in Krisensituationen wichtig, weil es dazu beiträgt, dass Menschen nicht in Panik verfallen, sondern ruhig bleiben und vernünftig handeln. Hinzu kommt der soziale Aspekt: Wer über eine Reserve wie einen Ofen verfügt, hat die Möglichkeit, andere zu unterstützen. Man kann Nachbarn einladen, gemeinsam einen warmen Raum nutzen, füreinander sorgen. Solche Formen von gegenseitiger Hilfe entstehen oft spontan in Krisen, aber sie setzen voraus, dass Ressourcen vorhanden sind, die geteilt werden können. Aus dieser Perspektive tragen dezentrale Lösungen nicht nur zur Versorgung bei, sondern auch zum sozialen Zusammenhalt.

Holzenergie ist umstritten. Warum polarisiert dieses Thema so stark?

Prof. Dr. Mäs: Holz als Energieträger ist ein gutes Beispiel dafür, wie stark gesellschaftliche Debatten von Symbolik geprägt sind. Für die einen steht Holz für Regionalität, Erneuerbarkeit und Unabhängigkeit. Es gibt eine lange Tradition, man kennt das Feuer aus der Familie, viele verbinden damit Geborgenheit und Sicherheit. Für diese Menschen ist der eigene Ofen ein Symbol von Selbstbestimmung, und sie wollen sich nicht vorschreiben lassen, ob und wie sie ihn nutzen. Für andere dagegen ist Holz vor allem mit Problemen verbunden: mit Feinstaub, Emissionen und der Frage, ob es klimapolitisch überhaupt vertretbar ist, in großem Maßstab auf Holzheizungen zu setzen. In dieser Perspektive wird der Ofen zu einem Symbol des Rückschritts und einer falschen Energiepolitik. Es stehen also zwei sehr unterschiedliche Bilder nebeneinander, die beide stark emotional besetzt sind. Und genau das macht die Debatte so polarisiert. Hinzu kommt, dass politische Akteure diese Unterschiede gezielt aufgreifen und verstärken, weil das Thema geeignet ist, um Anhängerinnen und Anhänger zu mobilisieren.

Welche Bedeutung haben dabei psychologische und soziale Faktoren – etwa Sicherheit oder Nachbarschaftshilfe?

Prof. Dr. Mäs: In Krisen geht es nicht nur um die physische Versorgung mit Wärme oder Strom, sondern auch darum, ob Menschen das Gefühl haben, die Lage unter Kontrolle zu haben. Wer weiß, dass er seine Wohnung notfalls auch ohne zentrale Infrastruktur heizen kann, fühlt sich weniger ausgeliefert. Dieses Gefühl ist psychologisch enorm wichtig, weil es Stress reduziert und dazu beiträgt, dass man handlungsfähig bleibt. Menschen, die vorbereitet sind, reagieren gelassener und vernünftiger, während andere schneller in Panik geraten. Hinzu kommt der soziale Aspekt, der oft unterschätzt wird: Wer einen Ofen hat, kann Nachbarn helfen oder ihnen anbieten, gemeinsam einen warmen Raum zu nutzen. So entstehen Formen von Solidarität, die in Krisenzeiten entscheidend sind. Wir wissen aus der Forschung, dass Nachbarschaften in Ausnahmesituationen häufig eine große Rolle spielen, weil man aufeinander angewiesen ist. Holzöfen können in diesem Zusammenhang mehr sein als nur eine technische Reserve.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Vertrauen in Politik und Institutionen?

Prof. Dr. Mäs: Vertrauen ist hier ein ganz wesentlicher Faktor. Wenn Menschen erleben, dass es nicht nur abstrakte Pläne gibt, sondern konkrete, greifbare Lösungen, stärkt das ihr Sicherheitsgefühl. Politik sollte das anerkennen und auch kommunizieren. Wenn der Beitrag dezentraler Lösungen klein- oder gar nicht geredet wird, entsteht der Eindruck, dass die Lebensrealität vieler Bürgerinnen und Bürger nicht ernst genommen wird. Das kann das Vertrauen in politische Entscheidungen insgesamt schwächen. Umgekehrt stärkt es das Vertrauen, wenn anerkannt wird, dass Holzöfen und ähnliche Lösungen in Krisenzeiten eine sinnvolle Ergänzung sein können. Natürlich lösen sie nicht alle Probleme, aber sie leisten ihren Beitrag. Allein die Tatsache, dass es diese Reserve gibt, vermittelt Sicherheit – und das ist für das Vertrauen in Politik und Gesellschaft von großer Bedeutung.

Sie haben betont, wie stark Debatten durch Polarisierung geprägt sind. Wie wichtig ist Transparenz von Institutionen, wenn es um solche Themen geht?

Prof. Dr. Mäs: Transparenz ist hier wirklich zentral. Wenn Ministerien, Behörden oder auch öffentlich-rechtliche Medien nicht den Anspruch haben, Informationen neutral darzustellen, entsteht schnell Misstrauen. Menschen haben dann das Gefühl, dass bestimmte Perspektiven ausgeblendet oder klein geredet werden. Gerade bei einem Thema wie Holzenergie, das ohnehin stark umstritten ist, kann so etwas die Polarisierung noch verstärken. Viele Bürgerinnen und Bürger erwarten, dass sie die Informationen bekommen, die sie brauchen, um sich selbst ein Urteil zu bilden. Wenn stattdessen nur eine Seite betont wird, fühlen sich Teile der Gesellschaft ausgeschlossen oder bevormundet, und das schwächt das Vertrauen. Deshalb ist es wichtig, dass Institutionen offenlegen, auf welchen Daten ihre Aussagen beruhen, und auch Zielkonflikte klar benennen. Ehrlichkeit und Offenheit sind in solchen Situationen hilfreicher als ein vermeintlich glattes Bild, das in der Realität nicht alle Aspekte abbildet.

Könnten Bürgerräte oder andere Beteiligungsformen helfen, Polarisierung bei Energiefragen zu überwinden?

Prof. Dr. Mäs: Ich würde sagen, sie sind kein Allheilmittel, aber sie können durchaus einen Unterschied machen. Bürgerräte haben den Vorteil, dass dort Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenkommen und auf derselben Informationsbasis diskutieren. Sie hören denselben Expertenvorträgen zu, stellen Fragen und setzen sich dann gemeinsam mit den Argumenten auseinander. Das kann helfen, dass man die Perspektiven anderer besser versteht und Kompromisse möglich werden, die in der normalen politischen Debatte oft schwer zu erreichen sind. Natürlich gibt es auch Grenzen: Ein Bürgerrat ersetzt nicht die politische Entscheidungsfindung, und er ist auch nicht demokratisch legitimiert.  Da die Teilnehmenden an Bürgerräten aber zufällig ausgewählt werden, geben sie einen nicht zu vernachlässigen Eindruck des Meinungsbildes in der Gesellschaft ab. Solche Beteiligungsformen können die Diskussion versachlichen und zeigen, dass es mehr als nur zwei festgefahrene Lager gibt. Und sie können auch das Gefühl vermitteln, dass Bürgerinnen und Bürger tatsächlich gehört werden. Das allein kann schon helfen, Vertrauen zurückzugewinnen.

Welche Strategien wären insgesamt notwendig, um die gesellschaftliche Akzeptanz von Holzöfen im Kontext der Versorgungssicherheit zu stärken?

Prof. Dr. Mäs: Wichtig ist zunächst, ehrlich zu kommunizieren. Holzöfen sind kein Ersatz für den Umbau des Energiesystems, sie sind kein Allheilmittel und auch kein Freibrief, um bei den Klimazielen nachzulassen. Aber sie können in Krisensituationen eine wertvolle Ergänzung sein. Diese Doppelrolle sollte klar benannt werden. Wenn man sie verschweigt, entsteht Misstrauen, und wenn man sie überhöht, provoziert man Kritik. Zweitens braucht es mehr Aufklärung. Viele Menschen wissen nicht, wie groß die Unterschiede zwischen alten, stark emittierenden Öfen und modernen, emissionsarmen Geräten sind. Wenn man das erklärt und auch zeigt, unter welchen Bedingungen Holz als Energieträger nachhaltig genutzt werden kann, stärkt das die Akzeptanz. Drittens sollte man auch den sozialen Aspekt stärker betonen: Ein Ofen kann nicht nur individuelle Sicherheit vermitteln, sondern auch Nachbarschaftshilfe ermöglichen. In Krisenzeiten kann das entscheidend sein, weil es das Vertrauen in die Gemeinschaft stärkt.

Und wo sehen Sie Forschungsbedarf, um die Polarisierung rund um Energiefragen besser zu verstehen und zu entschärfen?

Prof. Dr. Mäs: Wir wissen noch zu wenig darüber, wie Menschen Informationen aufnehmen und verarbeiten – gerade in Krisensituationen, wenn Unsicherheit herrscht. Polarisierung entsteht oft dadurch, dass unterschiedliche Gruppen verschiedene Informationsquellen nutzen, die kaum noch Überschneidungen haben. Das führt dazu, dass Menschen sich gegenseitig nicht mehr erreichen. Hier braucht es Forschung dazu, wie Kommunikation so gestaltet werden kann, dass Brücken entstehen, statt dass die Gräben tiefer werden. Ein weiteres wichtiges Feld ist die Akzeptanz technischer Innovationen. Wir sehen immer wieder, dass es nicht allein auf die technische Qualität ankommt, sondern sehr stark auf die gesellschaftliche Wahrnehmung. Zu verstehen, wie Vertrauen in neue Energielösungen entsteht oder verloren geht, halte ich für eine zentrale Forschungsaufgabe. Denn ohne Vertrauen in die Lösungen, die wir einführen wollen, wird der Umbau des Energiesystems kaum gelingen.

Der Soziologe Prof. Dr. Michael Mäs ist Professor am KIT in Karlsruhe und Experte für den Einfluss von Desinformation und Personalisierungsalgorithmen im Internet. Er beleuchtet die polarisierende Diskussion um die Bedeutung der Holzwärme für Versorgungssicherheit und Widerstandskraft im Katastrophenfall. Foto: Markus Breig für ofenzukunft.de
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