Lange war die Debatte scheinbar eindeutig sortiert: Hier die stoffliche Nutzung als gute, dort die energetische Nutzung als nachrangige oder möglichst zu vermeidende Option. Der neue „Kennzahlenbericht 2024/2025 Forst & Holz“ der Charta für Holz 2.0 zeigt nun jedoch, dass diese einfache Gegenüberstellung der Wirklichkeit immer weniger gerecht wird. Wer die neuen Daten ernst nimmt, muss auch die Rolle der energetischen Holznutzung neu bewerten.
Besonders aufschlussreich ist der Blick auf die Klimabilanz. Der Bericht hält fest, dass sich die Klimawirkung des Waldes infolge von Dürre, Schäden und Kalamitäten in den vergangenen Jahren deutlich verändert hat. Aus einer Senke wurde zuletzt sogar eine Quelle. Gleichzeitig verweist der Bericht darauf, dass auch Holzprodukte nur dann zur Klimawirkung beitragen, wenn sie tatsächlich in Nutzung gebracht werden und Kohlenstoff binden. Die bisher oft mitschwingende Annahme, der Wald erfülle seine Klimafunktion quasi automatisch und dauerhaft am besten ohne Nutzung, bekommt damit erkennbar Risse.
Hinzu kommt ein zweiter Befund, der politisch kaum zu übersehen ist: Der Anteil der Laubbaumarten im Wald steigt, während die stoffliche Verwendung von Laubrohholz seit 2010 deutlich zurückgegangen ist. Für 2024 weist der Bericht aus, dass nur noch 7,0 Prozent der gesamten stofflichen Rohholznutzung auf Laubholz entfallen, obwohl Laubrohholz am gesamten Rohholzaufkommen einen wesentlich höheren Anteil hat. Mit anderen Worten: Der Waldumbau schreitet voran, aber die Nutzungspfade halten nicht Schritt. Genau an dieser Stelle wirkt die energetische Nutzung nicht wie ein Störfaktor, sondern wie ein Teil der Antwort auf ein wachsendes Verwertungsproblem.
Auch die Rohholzverwendung insgesamt spricht gegen alte Reflexe. Der Bericht zeigt, dass rund 30 Prozent des verwendeten Rohholzes energetisch genutzt werden und dass der Laubholzanteil in diesem Bereich besonders hoch ist. Das ist kein Randphänomen, sondern Ausdruck realer Stoffströme. Wer unter diesen Bedingungen energetische Nutzung pauschal aus dem System drängen will, muss erklären, welche realistischen Alternativen für jene Holzsortimente bestehen, die gerade nicht ohne Weiteres hochwertig stofflich eingesetzt werden können. Der Verweis auf abstrakte Kaskadenmodelle genügt dafür immer seltener.
Der Bericht macht zudem deutlich, dass sich die Rahmenbedingungen im Cluster Forst & Holz verschärft haben. Die preisbereinigte Bruttowertschöpfung ist zuletzt zurückgegangen, die Forstwirtschaft verzeichnet besonders starke Einbußen, und auch bei Beschäftigung, Vakanzzeiten und unbesetzten Ausbildungsstellen zeigen sich Belastungen. Wer in einer solchen Lage die energetische Nutzung allein unter dem Gesichtspunkt theoretischer Verdrängung diskutiert, blendet einen wichtigen Teil der Realität aus: Es geht längst auch um wirtschaftliche Tragfähigkeit, regionale Wertschöpfung und die Frage, wie vorhandene Rohstoffe unter schwieriger werdenden Bedingungen sinnvoll eingesetzt werden können.
Das bedeutet nicht, dass jede energetische Nutzung per se sinnvoll wäre oder dass stoffliche Nutzung an Bedeutung verliert. Der Kennzahlenbericht sagt gerade nicht, dass Holz künftig vorzugsweise verbrannt werden sollte. Aber er zeigt sehr deutlich, dass die alte politische Erzählung von einer klaren Hierarchie, in der energetische Nutzung fast nur noch als Problem erscheint, zu grob geworden ist. Dort, wo stoffliche Pfade fehlen, wo Holzqualitäten eingeschränkt sind, wo Kalamitätsholz anfällt oder wo der Waldumbau neue Sortimente hervorbringt, ist energetische Nutzung kein Anachronismus, sondern Teil eines funktionierenden Gesamtsystems.
Gerade für die Diskussion über moderne Einzelraumfeuerstätten ist das von Bedeutung. Denn wenn sich Wald, Rohstoffbasis und Nutzungsmöglichkeiten verändern, dann muss sich auch der politische Blick auf Holzenergie verändern. Nicht die schematische Abwertung der energetischen Nutzung ist dann zeitgemäß, sondern die Frage, wie sie sauber, effizient und systemdienlich organisiert werden kann. Der neue Kennzahlenbericht liefert dafür keine ideologische Vorlage, aber er liefert eine nüchterne Datengrundlage. Und diese Datengrundlage legt nahe, dass viele Argumente, mit denen energetische Holznutzung in den vergangenen Jahren pauschal an den Rand gedrängt wurde, heute nicht mehr so tragen wie früher.
Wer Klimaschutz, Ressourceneffizienz und Versorgungssicherheit gemeinsam denken will, kommt deshalb an einer realistischeren Sicht auf Holz nicht vorbei. Der neue Bericht der Charta für Holz 2.0 markiert genau an diesem Punkt eine Verschiebung. Er entzaubert einfache Gewissheiten und zwingt dazu, die energetische Nutzung von Holz nicht länger nur als Auslaufmodell zu betrachten, sondern als einen Baustein, der unter veränderten Bedingungen neu eingeordnet werden muss.
Den Kennzahlenbericht „Charta für Holz 2.0“ finden Sie hier.