Kaum einer kennt sich so wie der Jurist Wolf Buchholz mit den Themen Versorgungssicherheit und kritische Infrastruktur in Deutschland aus. Buchholz ist Senior-Fachgebietsleiter Kritische Infrastruktur und Cybersicherheit beim Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) in Hamburg. Mit ihm sprach Dr. Johannes Gerstner von der Initiative ofenzukunft.de über den Unterschied zwischen Resilienz und Versorgungssicherheit – und klärte die Frage, warum 11,7 Millionen Holz-Feuerstätten im Krisenfall eine stille Reserve darstellen.
Herr Buchholz, wie anfällig ist denn unsere Infrastruktur in Deutschland für Ausfälle, gerade die Stromversorgung?
Wolf Buchholz: Also, grundsätzlich haben wir in Deutschland eine der sichersten Stromversorgungen weltweit, wenn man sich die Ausfallzeiten anschaut. Aber die Bedrohungslage hat sich deutlich verändert. Es gab zuletzt Anschläge auf Infrastruktur, unter anderem bei Tesla und aktuell auch in Berlin-Köpenick, wo durch Sabotage große Teile der Versorgung zusammengebrochen sind. Spätestens seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine hat sich die Lage eklatant verschärft, wir müssen künftig mit potenziell mehr Ausfällen rechnen. Das ist keine Panikmache, sondern etwas, womit wir rational umgehen müssen. In diesem Kontext reden wir auch über hybride Kriegsführung, also Aktionen unterhalb der Kriegsschwelle, bei denen mehrere Angriffsvektoren kombiniert werden, um die Wirkung zu erhöhen. Man kann sich zum Beispiel fragen, ob es Zufall ist, wenn Flughäfen ausfallen – etwa am BER – genau in dem Moment, wenn die Leute vom Marathon zurückfliegen. Solche zeitlichen Koinzidenzen sind zumindest auffällig. Kurz: Die Versorgungssicherheit ist bei uns hoch, aber die Resilienz, also das Bestehen in außergewöhnlichen Lagen, ist die eigentliche Baustelle.
Welche Rolle spielen rechtliche Vorgaben wie das EnSiG, die NIS-2-Richtlinie oder die CER-Richtlinie beim Schutz unserer Infrastruktur?
Wolf Buchholz: Der rechtliche Rahmen hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Mit NIS-2 kommt eine Richtlinie, die sehr klare Anforderungen an die Betreiber kritischer Infrastrukturen in Bezug auf die IT- und Cybersicherheit stellt. Sie verpflichtet dazu, Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen und Vorfälle zu melden. Dazu kommt die CER-Richtlinie, die den Schutz physischer Infrastrukturen in den Blick nimmt. Wir sprechen hier also nicht mehr nur über IT-Sicherheit, sondern auch über bauliche Sicherheit, Zugangskontrollen und organisatorische Vorkehrungen. Das ist grundsätzlich positiv, weil es die Sensibilität erhöht und Mindeststandards schafft. Aber die Umsetzung ist für viele kommunale Unternehmen eine enorme Herausforderung. Stadtwerke, Wasserbetriebe, kleinere Netzbetreiber – für sie ist es schwer, all diese Anforderungen aus eigener Kraft zu erfüllen. Da fehlt es an Fachkräften, an Geld, an technischer Expertise. Deshalb ist es wichtig, dass es Unterstützung gibt und dass die Aufsichtsbehörden pragmatisch vorgehen. Sicherheit darf nicht nur auf dem Papier stehen, sie muss im Alltag gelebt werden.
In unserer Studie „Im Ernstfall zählt Wärme – Warum Millionen Holzöfen für Deutschland unverzichtbar sind“ unterscheiden wir zwischen Resilienz und Versorgungssicherheit. Wie würden Sie diesen Unterschied beschreiben?
Wolf Buchholz: Das ist eine ganz zentrale Unterscheidung. Versorgungssicherheit bedeutet, dass das System im Normalbetrieb funktioniert, dass immer ausreichend Strom oder Wärme da ist, dass das Netz stabil läuft. Da ist Deutschland traditionell sehr stark, wir haben eine der zuverlässigsten Stromversorgungen weltweit. Resilienz meint etwas anderes. Sie beschreibt die Fähigkeit, außergewöhnliche Situationen zu überstehen, also bei einem Angriff, bei einer Naturkatastrophe oder wenn mehrere Dinge gleichzeitig schiefgehen. Dann geht es nicht mehr darum, dass alles so läuft wie gewohnt, sondern dass die Grundfunktionen weiter bestehen. Krankenhäuser müssen weiterarbeiten, Notunterkünfte müssen beheizt werden, Kommunikation darf nicht komplett zusammenbrechen. Resilienz ist damit die Frage: Wie robust ist das System, wenn es unter Druck gerät? Und da kommen auch dezentrale Lösungen ins Spiel, die im Alltag keine große Rolle spielen, im Krisenfall aber entscheidend sein können. Versorgungssicherheit kann man sehr gut messen und regulieren, da gibt es klare Indikatoren. Resilienz ist viel schwieriger zu greifen, weil es um Krisen geht, die wir so noch nicht erlebt haben. Wir wissen nicht, welche Kaskaden ein Angriff oder ein großflächiger Ausfall auslöst. Deshalb müssen wir in Szenarien denken und uns fragen: Was passiert, wenn Teile des Systems wegbrechen, wie lange können wir durchhalten, wo haben wir Notfallreserven?
Es gibt Zielkonflikte: Einerseits brauchen wir Resilienz, andererseits Umwelt- und Klimaschutz. Wie sehen Sie diesen Spannungsbogen?
Wolf Buchholz: Das ist tatsächlich ein Dilemma, das man offen benennen muss. Aus Resilienzsicht ist jede einzelne Feuerstätte wertvoll, weil sie Wärme liefern kann, wenn zentrale Systeme ausfallen. Aber aus Umwelt- und Gesundheitssicht sind gerade ältere, emissionsstarke Öfen ein Problem. Feinstaub, Emissionen, Effizienz – das sind Faktoren, die man nicht ignorieren kann. Wir müssen also beides zusammendenken: die Bedeutung für die Resilienz anerkennen und gleichzeitig die technischen Standards weiterentwickeln. Ich halte es für falsch, wenn man sagt: Wir nehmen diese Reserve aus dem System, weil sie nicht in die aktuellen Effizienzmaßstäbe passt. Damit würde man eine wichtige Rückfallebene aufgeben. Genauso falsch wäre es aber, alles so zu lassen, wie es ist und die Umweltaspekte auszublenden. Der richtige Weg liegt dazwischen. Wir brauchen moderne, emissionsarme Geräte und klare Vorgaben, damit die Technik sauberer wird. Und wir brauchen die Ehrlichkeit zu sagen: Im Krisenfall zählt nicht die perfekte Effizienzkennzahl, sondern die Fähigkeit, Wärme bereitzustellen. Beides hat seine Berechtigung, und nur wenn wir diesen Spagat schaffen, sichern wir Versorgung und Umwelt gleichermaßen.
Wenn Sie nach vorne blicken: Welche Rolle könnten Holzöfen in den nächsten zehn Jahren in der Sicherheitsstrategie spielen?
Wolf Buchholz: Ich glaube, ihre Rolle wird eher noch wichtiger werden. Wir bauen unser Energiesystem massiv um. Wir steigen aus fossilen Energien aus, wir setzen immer stärker auf Strom als Basis – für Mobilität, für Wärme, für Industrie. Das macht uns gleichzeitig abhängiger von der Stabilität der Netze. Und genau da braucht es Rückfallebenen. Holzöfen sind so eine Rückfallebene. Sie sind kein Ersatz für systemische Versorgung, sie sind auch kein Instrument, um die Energiewende in Frage zu stellen. Aber sie können im Krisenfall entscheidend sein, weil sie Wärme unabhängig vom Netz sichern. Das sollte man politisch ehrlich kommunizieren. Es geht nicht darum, zurück in die Vergangenheit zu gehen oder den Ofen als Allheilmittel darzustellen. Es geht darum, anzuerkennen, dass wir in Deutschland eine Reserve haben – 11,7 Millionen Feuerstätten – und dass diese Reserve in Ausnahmesituationen Sicherheit schafft. Wenn wir das bewusst in unsere Planungen einbeziehen, dann wird daraus ein Vorteil. Dazu gehört, dass man die Brennstoffversorgung mitdenkt, dass man moderne, emissionsarme Geräte fördert und dass man den Menschen erklärt: Der Ofen ist kein Ersatz, aber er ist eine Versicherung. Mein Appell wäre, das Thema nicht kleinzureden, sondern realistisch zu betrachten. Resilienz wird in den nächsten Jahren genauso wichtig sein wie Versorgungssicherheit. Und da leisten Holzöfen einen Beitrag, den man nicht übersehen sollte.
Über Wolf Buchholz:
Seit ca. 6 Jahren angestellt beim VKU und dort tätig als Senior-Fachgebietsleiter „Kritische Infrastruktur und Cybersicherheit“. Seit Anfang 2024 Betreiber der Webseite „kritisschutz.de“, auf der das Recht und die Regulierung der kritischen Infrastrukturen beschrieben wird. Berufsbegleitendes Postgraduiertenstudium mit dem Abschluss eines MBA im Bereich Public Affairs an der Quadriga Hochschule in Berlin. Zuvor bei einem Spitzenverband der Finanzwirtschaft zuständig für das Zahlungsverkehrsrecht und das Onlinebanking. Karrierebeginn als Rechtsanwalt in einer Kanzlei mit Focus auf das Recht des geistigen Eigentums und Digitalisierung. Studium der Rechtswissenschaften und Referendariat in Berlin, Potsdam und Brüssel.