Der neue Adequacy-Report der europäischen Stromnetzbetreiber zeigt wachsende Risiken ab 2030. Aussagen beim European Energy Colloquium des Forum für Zukunftsenergien in Brüssel unterstreichen, wie systemkritisch flexible Kapazitäten werden – und warum auch Kamin- und Kachelöfen in diesem Bild wieder sichtbarer werden.
Der European Resource Adequacy Assessment (ERAA) 2024 ist ein Bericht, der selten Schlagzeilen macht. Und doch wirkt er wie ein Seismograf, der anzeigt, dass Europas Stromsystem in eine Phase eintritt, in der seine Stabilität nicht mehr selbstverständlich ist. Die Übertragungsnetzbetreiber ENTSO-E, die den Bericht erstellt haben, sprechen kühl von „zunehmenden Angemessenheitsrisiken“ ab 2030. Dahinter steht eine Realität, die spürbar näher rückt: Der Kontinent wird in den kommenden Jahren häufiger Situationen erleben, in denen Angebot und Nachfrage im Stromsystem nur mit Mühe zusammenfinden.
Dass diese Phase bereits begonnen hat, wurde beim European Energy Colloquium des Forum für Zukunftsenergien in Brüssel deutlich. Dort diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der EU-Kommission, der Energiewirtschaft und der Netzregulierung über die Ergebnisse des ERAA. Zwar stand die Großwetterlage der Energiewende im Mittelpunkt – aber die Aussagen erlauben auch Rückschlüsse auf eine Wärmequelle, die bislang wenig Beachtung findet: moderne Kamin- und Kachelöfen.
Es drohen Engpässe in Stunden hoher Nachfrage
Patricia Labra, Vorsitzende des ENTSO-E-Systementwicklungskomitees, brachte die strukturelle Herausforderung klar auf den Punkt. „Ein großer Teil der fossilen Kapazitäten wird wirtschaftlich nicht über das Jahrzehnt hinaus tragfähig sein“, sagte sie in Brüssel. Die erneuerbaren Energien würden zwar wachsen, „aber sie werden den Wegfall konventioneller, jederzeit verfügbarer Erzeugung nicht vollständig kompensieren können“. Das Manko liege in der Flexibilität – jene Fähigkeit eines Systems, Spitzenlasten abzufedern und Dunkelflauten zu überstehen. „Wir müssen viel schneller werden“, sagte Labra, „sonst drohen Engpässe in Stunden hoher Nachfrage.“
Daniel Ihász-Tóth, Teamleiter „Security of Supply“ bei der europäischen Regulierungsagentur ACER, bestätigte diese Einschätzung – und ergänzte eine wichtige Einordnung. Die aktuelle Lage sei zwar stabil: „Die durchschnittlichen Stromausfallzeiten in der EU liegen unter zwei Stunden pro Jahr – und keiner dieser Ausfälle wurde durch unzureichende Erzeugung verursacht.“ Doch die eigentliche Unsicherheit liege nicht im Heute. „Die Risiken entstehen langfristig. Je weiter wir nach vorne blicken, desto größer werden die Unsicherheiten.“
Risiko von Stromausfällen nimmt zu
Er verwies zudem auf die steigenden Kosten der notwendigen Kapazitätsmechanismen: „Flexibilitätsmaßnahmen nehmen zu – und sie werden in Zukunft deutlich teurer werden.“ Das betrifft Speichersysteme, Reservekraftwerke, Lastmanagement. Und es betrifft jene Lücken, die entstehen, wenn Klimapolitik und Marktmechanismen schneller sind als Infrastruktur und Investitionen.
Was Managerinnen und Manager der Energiewirtschaft in Brüssel besonders beschäftigt hat, fasste Martin Kaspar, Leiter EU-Energiepolitik des Versorgers Thüga, zusammen. Er warnte davor, sich allein auf europäische Top-down-Planungsinstrumente wie den ERAA zu verlassen. Für die Versorgungssicherheit der Bürgerinnen und Bürger, sagte er, sei etwas anderes entscheidend: „Das n-1-Prinzip bleibt die Grundlage. Jede Entscheidung muss darauf basieren, dass ein System auch beim Ausfall einer Komponente stabil bleibt.“ Und er machte deutlich, dass lokale Sicherheitseinschätzungen oft handfester seien als abstrakte Modelle.
Lokale Sicherheitseinschätzungen wichtig
Überträgt man diesen Gedanken auf die Wärmeversorgung, erhält er eine neue Dimension. Ein Haushalt, der vollständig elektrisch heizt, ist im Falle eines Stromausfalls verwundbar. Ein Haushalt, der zusätzlich über einen modernen Kamin- oder Kachelofen verfügt, ist es nicht. Und damit entsteht ein elementarer Baustein von Resilienz – jener Form der Versorgungssicherheit, die nicht in Megawatt und Gigawatt gemessen wird, sondern darin, ob Menschen im Winter warm bleiben, wenn das System unter Druck gerät.
Wärmequellen, die ohne Strom funktionieren, werden wichtig
Der ERAA-Bericht bildet diese private Ebene nicht ab. Aber die Debatte in Brüssel ließ sie aufscheinen. Dazu Dr. Johannes Gerstner, der für die Initiative #ofenzukunft die Konferenz beobachtete: „Wenn Stromsysteme in Zukunft häufiger an ihre Grenzen kommen, gewinnen Wärmequellen an Bedeutung, die unabhängig davon funktionieren. Moderne Holzfeuerstätten sind kein ideologisches Gegenmodell zur Elektrifizierung. Sie sind eine Rückversicherung – eine stille, robuste, dezentrale Ergänzung zu einem Energiesystem, das volatiler wird, je klimafreundlicher es sich entwickelt.“
Holzöfen als ideale Fallback-Lösung
Dass diese Ergänzung gebraucht werden könnte, zeigt der Bericht ERAA eindrücklich. Er ist ein Dokument, das sagt: Die Zukunft der Energie ist elektrisch, aber nicht ohne Risiko. Und er sagt indirekt: Wer diese Zukunft gestalten will, sollte nicht nur auf Netzausbau, Speicher und Märkte setzen, sondern auch auf jene Wärmequellen achten, die dort stabil bleiben, wo große Systeme manchmal ins Schwanken geraten. Dr. Gerstner: „Die Energiewende entsteht in Brüssel, in Ausschüssen, in Szenarienmodellen. Aber ihre Glaubwürdigkeit entscheidet sich oft im Kleinen. In jenem Raum, in dem es warm bleibt, wenn draußen die Netze an der Grenze ihres Versprechens arbeiten.“
Hier können Sie den ERAA-Bericht nachlesen: https://www.entsoe.eu/eraa/2024/downloads/ (PDF in Englisch)