„Die Wärme aus Holz ist unverzichtbar – jetzt muss die Politik nachziehen“

Was ist die Ökodesign-Richtlinie – und was bedeutet sie für die Branche?
Die Ökodesign-Verordnung (EU) 2015/1185 legt Anforderungen an Energieeffizienz und Emissionen für Einzelraumfeuerstätten fest, also Kamin-, Kachel- und Pelletöfen. Ziel ist es, weniger effiziente und emissionsstarke Geräte vom Markt zu nehmen. Für die Branche bedeutet das eine tiefgreifende Weichenstellung: Die derzeit diskutierte Überarbeitung entscheidet darüber, welche Produkte künftig überhaupt noch zugelassen werden. Für Hersteller und Händler ist das von existenzieller Bedeutung. Der Brennstoffhandel ist davon direkt betroffen, denn nur wenn entsprechende Geräte erhältlich und zulassungsfähig sind, können auch passende Brennstoffe verkauft werden. Wer den Zugang zum Markt regelt, regelt letztlich auch, ob Holzfeuerung eine Zukunft hat – oder nicht.

Wie wichtig ist es, dass die Branche in den Prozess einbezogen wird?
Es ist absolut entscheidend. Wenn die Europäische Kommission versucht, im Alleingang technokratische Vorgaben durchzusetzen, ohne die Realitäten der Branche zu berücksichtigen, wird das zu massiven Widerständen führen. Wir haben das schon in der Vergangenheit erlebt: Verordnungen, die praxisfern und überambitioniert waren, wurden am Ende politisch blockiert oder mussten mühsam korrigiert werden. Die Industrie ist bereit, Verantwortung zu übernehmen – aber sie muss auch gehört werden. Niemand kennt die Geräte, die Einbausituationen und die Kundinnen und Kunden besser als die Unternehmen selbst. Wer Regulierung ohne Beteiligung macht, produziert nicht nur Frust, sondern am Ende auch schlechte Ergebnisse. Eine tragfähige Ökodesign-Verordnung kann es nur mit der Branche geben, nicht gegen sie.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie in der geplanten Überarbeitung?
Die Risiken liegen vor allem in einer möglichen Überregulierung. Wenn die neuen Anforderungen technologische Entwicklungen überfordern, kann das viele Betriebe unter wirtschaftlichen Druck setzen oder ganz vom Markt verdrängen. Gleichzeitig besteht die Chance, dass saubere und effiziente Geräte, die es heute schon gibt, eine neue Wertschätzung erfahren. Technologisch ist vieles möglich: Katalysatoren, Feinstaubabscheider, automatische Abbrandsteuerung – die Industrie hat sich enorm weiterentwickelt. Wenn diese Technologien anerkannt und sinnvoll in die Richtlinie eingebunden werden, kann daraus ein echter Modernisierungsschub entstehen. Die Richtlinie kann zur Innovationsplattform werden – wenn sie nicht zur Innovationsbremse gemacht wird.

Wie gut ist die Branche auf diese Herausforderung vorbereitet?
Technologisch ist die Branche besser aufgestellt, als ihr oft zugetraut wird. Viele Hersteller verfügen über ausgereifte Systeme zur Emissionsminderung – sei es durch Abbrandsteuerungen, durch Katalysatoren oder durch elektrostatische Abscheider. Diese Systeme sind zum Teil serienreif, zum Teil bereits in der Praxis etabliert. Die große Herausforderung liegt nicht in der Technik, sondern in der Unsicherheit. Denn solange nicht klar ist, welche Grenzwerte und Prüfverfahren künftig gelten sollen, zögern viele Unternehmen mit Investitionen. Deshalb braucht die Branche vor allem eines: Planungssicherheit. Wenn diese gegeben ist, kann sie liefern – moderne, saubere, marktfähige Produkte, die nicht nur den gesetzlichen Anforderungen genügen, sondern auch ein Gewinn für die Luftqualität und die Versorgungssicherheit sind.

Warum ist die Wärme aus Holz so wichtig für die europäische Energiewende?
Weil sie regional, CO₂-neutral, speicherbar und krisensicher ist. Einzelraumfeuerstätten liefern dort Wärme, wo keine Fernwärme liegt und wo Stromnetze nicht belastbar sind. Sie decken Spitzenlasten ab, wenn Wärmepumpen an ihre Grenzen stoßen. Und sie ermöglichen es Millionen von Haushalten, unabhängig und bezahlbar zu heizen. Ohne Holzfeuerung würde in vielen Regionen Europas eine entscheidende Säule der Wärmewende wegbrechen – das betrifft insbesondere ländliche Räume. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, dessen Nutzung – bei sachgerechtem Betrieb und moderner Technik – sowohl ökologisch als auch ökonomisch sinnvoll ist. Wenn wir über Energieautonomie, über Versorgungssicherheit und über den Ausbau erneuerbarer Energien sprechen, dann gehört die Wärme aus Holz zwingend dazu.

Welche Wünsche haben Sie an die neue Richtlinie?
Ich wünsche mir eine Richtlinie mit Augenmaß. Das heißt: Grenzwerte, die ambitioniert, aber technisch erreichbar sind. Testzyklen, die realitätsnah sind, aber nicht überfordern und die auf den bestehenden Normen basieren beziehungsweise auf deren Weiterentwicklung. Übergangsfristen, die eine faire Anpassung ermöglichen. Und vor allem: Technologieoffenheit. Es darf nicht darum gehen, bestimmte Verfahren vorzuschreiben, sondern darum, das Ziel – weniger Emissionen – auf verschiedenen Wegen erreichbar zu machen. Ein Katalysator ist nicht besser oder schlechter als ein Abscheider, wenn beide das Ziel erfüllen. Außerdem brauchen wir eine Förderung für Nachrüstlösungen und eine Anerkennung emissionsmindernder Technologien auch im Bestand. Und nicht zuletzt: klare Regeln, die für ganz Europa gelten, damit Marktfragmentierung und Doppelregulierung vermieden werden. Um letzteres zu vermeiden, ist insbesondere eine Abstimmung innerhalb der Kommission mit der Bauproduktenrichtlinie unerlässlich.

Welche Wünsche haben Sie an die Branche?
Ich wünsche mir mehr Selbstbewusstsein. Wir haben in der Branche viele kluge Köpfe, gute Ideen und viel Erfahrung. Jetzt kommt es darauf an, das auch zu zeigen. Die Ecodesign-Überarbeitung ist keine Bedrohung, sondern eine Chance, die Zukunft der Holzfeuerung mitzugestalten. Wer heute investiert – in Innovation, in Kommunikation, in Service – kann morgen Standards setzen. Der Handel spielt dabei eine zentrale Rolle. Brennstoffhändler sind oft die ersten Ansprechpartner für Endkundinnen und Endkunden. Sie können erklären, was moderne Holzfeuerung leisten kann. Und sie können ein wichtiges Bindeglied sein zwischen Herstellern, Fachhandwerk und Politik. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass Holzfeuerung nicht als Problem gesehen wird – sondern als Teil der Lösung.

Wie geht es jetzt weiter – und wie können sich Unternehmen einbringen?
Bis Ende August läuft die offizielle Konsultationsphase der Europäischen Kommission. Alle Akteure – auch aus Handel und Handwerk – sind eingeladen, Stellung zu beziehen. Das ist die Gelegenheit, konkrete Vorschläge zu machen, Bedenken zu äußern, aber auch Perspektiven aufzuzeigen. Im Herbst wird die Kommission eine überarbeitete Folgenabschätzung vorlegen. Ein offizieller Verordnungsentwurf könnte dann 2026 kommen. Die Umsetzung ab 2027, wobei die Kommission bereits signalisiert hat, dass es dann mehrjährige Übergangsfristen geben werde. Das klingt weit weg, ist es aber nicht. Denn die technischen, logistischen und kommunikativen Vorbereitungen brauchen Zeit. Wer jetzt nicht mitredet, wird später mit dem Ergebnis leben müssen. Wer sich jetzt einbringt, kann mitgestalten.

 

Zur Person: Dr. rer. pol. Johannes R. Gerstner, MBA

Dr. Johannes R. Gerstner ist gelernter Journalist und ausgewiesener Public-Affairs-Experte mit Fokus auf Energie-, Heizungs- und Abgaspolitik. Er berät zahlreiche Verbände und Organisationen aus dem Heizungs‑ und Abgassektor, darunter die Europäische Feuerstätten‑Arbeitsgemeinschaft (EFA), die Initiative #ofenzukunft des Gesamtverbands Ofenbau (GVOB), den Fachverband Schornsteintechnik sowie den Verband Kunststoffabgasanlagen (VKA).

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