„Das Feuer gehört zu uns“ – Jutta von Campenhausen über Kultur, Psychologie und die Zukunft des Holzofens

Die Wissenschaftsjournalistin Jutta von Campenhausen hat ein Buch über das Holzfeuer geschrieben – über seine kulturelle Tiefe, seine psychologische Wirkung und den überraschend modernen Wert einer uralten Technik. Ein Gespräch über archaische Wärme, gesellschaftliche Debatten und die Frage, warum der Holzofen zu den letzten Orten echter Wohnkultur gehört.

Frau von Campenhausen, wenn man Ihr Buch liest, bekommt man sofort Lust auf ein knisterndes Holzfeuer. Haben Sie selbst einen Ofen zuhause – und wie erleben Sie ihn?

Jutta von Campenhausen: Ja, wir haben einen Ofen, und er gehört zu den Dingen, ohne die ich nur ungern leben würde. Beim Hausbau konnten wir ihn zunächst nicht finanzieren – was ja vielen so geht –, aber ich habe bereits die Wand so planen lassen, dass später problemlos ein Ofen eingebaut werden kann. Als es dann möglich wurde, haben wir es sofort getan. Seitdem ist der Ofen ein zentraler Ort unseres Hauses. Nicht als Statussymbol und nicht einmal nur als Wärmequelle, sondern als eine Art stiller Begleiter des Alltags. Ein Holzfeuer spricht einen ursprünglichen Teil in uns an. Man kommt zur Ruhe, wird langsamer, sitzt zwanglos beieinander. Ich empfinde diese Wärme als eine tiefe, körperliche Art von Geborgenheit. Die Luft direkt am Feuer hat etwas Weiches, Bewegung und Licht verändern sich, und selbst Gespräche bekommen einen anderen Ton. Ein Ofen ist nicht einfach ein Heizgerät – er ist eine kleine Welt für sich, ein archaischer Punkt im modernen Leben.

Hat die intensive Beschäftigung mit dem Thema Ihr eigenes Verhältnis zum Holzfeuer verändert?

Jutta von Campenhausen: Durchaus. Vor allem wurde mir bewusst, wie viel Wissen hinter etwas steckt, das wir lange für intuitiv hielten. Beim Schreiben habe ich gelernt, wie moderne Öfen funktionieren und wie viel technisches Feingefühl in einer guten Feuerung steckt. Dass man beispielsweise von oben anzündet – etwas, das ich jahrzehntelang falsch gemacht habe –, habe ich durch Dr. Volker Schmatloch gelernt [Beiratsmitglied der Ofenzukunft, Anmerkung der Redaktion]. Das ist ein kleines Detail, aber es steht symbolisch dafür, dass Holzfeuer keine primitive, sondern eine hochentwickelte Kulturtechnik ist. Noch viel stärker verändert hat sich aber mein Blick auf die historische Dimension. Mir wurde bewusst, dass Holzfeuer einer der Motoren der Menschwerdung war: Es hat ermöglicht, Nahrung schneller verfügbar zu machen, Wärme effizienter zu nutzen und soziale Räume zu schaffen. Für mich war das ein Aha-Moment: Dass ein Ofen in unserem Wohnzimmer in direkter Tradition eines elementaren Entwicklungsschritts der Menschheit steht. Das klingt groß, aber es stimmt. Feuer ist in unseren Körpern, in unseren Gehirnen, in unseren Geschichten. Und wenn man das einmal verstanden hat, sieht man einen Ofen nicht mehr als bloßes Möbelstück, sondern als Teil unserer kulturellen DNA.

Sie greifen in Ihrem Buch auch die Kochtheorie des Anthropologen Richard Wrangham auf. Warum ist diese Theorie für die Bedeutung von Holzfeuer so zentral?

Jutta von Campenhausen: Weil sie zeigt, wie tiefgreifend Feuer in unsere Biologie eingreift. Die Kochtheorie erklärt, dass das Erhitzen von Nahrung unser Gehirn überhaupt erst ermöglicht hat. Kochen macht komplexe Nahrung leichter verdaulich, verkürzt die Essenszeit enorm und steigert die Energieausbeute. Das gilt nicht nur für Fleisch, sondern insbesondere für Hülsenfrüchte und pflanzliche Nahrung, die roh teilweise ungenießbar oder giftig wäre. Das Entscheidende ist der Zeitfaktor. Unsere nächsten Verwandten – Gorillas und Schimpansen – verbringen viele Stunden des Tages mit Kauen, einfach weil ihre Nahrung roh ist. Ein größeres Gehirn verbraucht aber enorme Mengen Energie. Ohne die Möglichkeit, Energie schneller und effizienter aufzunehmen, hätte eine Spezies wie wir gar nicht entstehen können. Feuer war nicht „nice to have“, sondern Voraussetzung für alles, was wir heute als menschlich ansehen: Sprache, abstraktes Denken, Kultur. Und deshalb ist ein Ofen mehr als Nostalgie. Er ist ein Echo auf diesen Ursprung. Kein moderner Heizkörper steht in dieser Tradition – ein Holzfeuer aber schon.

Sie schreiben, Feuer habe auch die sozialen Strukturen des Menschen geprägt. Was bedeutet das für das heutige Leben mit einem Ofen?

Jutta von Campenhausen: Holzfeuer war immer ein sozialer Magnet. Menschen versammelten sich um die Feuerstelle, weil sie Wärme, Licht und Schutz bot. Aber sie kamen auch zusammen, weil Feuer ein gemeinsames Zentrum schaffte. Dort wurde gekocht, erzählt, gefeiert, gestritten. Ganze Siedlungen orientierten sich an der Feuerstelle. Wenn man heute vor einem Ofen sitzt, spürt man etwas davon wieder. Es ist ein Ort der Konzentration und der Entspannung zugleich. Kinder setzen sich davor, Paare reden dort anders miteinander, man wird ruhiger, verbindlicher, offener. Ich finde es bemerkenswert, dass ein Holzofen in unserer hochoptimierten, digitalen Welt wieder so begehrt ist. Das zeigt, dass der Mensch ein Wesen ist, das nicht nur effizient, sondern auch emotional und rituell leben möchte. Ein Ofen bringt Rituale zurück: Holz holen, Feuer machen, warten, beobachten. Das ist der Gegenentwurf zur Welt, in der wir alles per App regeln können. Und vielleicht genau deshalb so wertvoll.

Heute wird Holzfeuer oft kritisch diskutiert: Feinstaub, Rauch, Gerüche. Wie ordnen Sie diese Kritik ein?

Jutta von Campenhausen: Ich finde, man muss hier mit Ruhe und Wissen argumentieren. Natürlich erzeugt ein Holzfeuer Emissionen – jede Verbrennung tut das. Aber moderne Öfen arbeiten technisch so zuverlässig und sauber, dass die Debatte oft verzerrt wirkt. Viele Sorgen entstehen, weil Menschen schlechte Erfahrungen mit falsch betriebenen oder sehr alten Anlagen gemacht haben.

Man sollte sachlich bleiben: Wer einen modernen Ofen richtig bedient – trockenes Holz, gute Luftführung, korrektes Anheizen –, verursacht erstaunlich wenig Rauch. Die Abgase steigen über hohe Schornsteine ab und verdünnen sich rasch. Viele Menschen stellen sich Rauchwolken vor, die längst nicht mehr der Realität moderner Feuerstätten entsprechen. Dazu kommt: In der öffentlichen Diskussion werden die Dimensionen häufig verwechselt. Der Straßenverkehr erzeugt tagtäglich und rund um die Uhr Feinstaub – und das in sehr großen Mengen. Ein Ofen hingegen brennt nur stundenweise. Trotzdem konzentriert sich die Debatte oft auf das Holzfeuer, weil es sichtbarer ist und als „abstellbar“ gilt. Diese psychologische Dynamik beeinflusst die Wahrnehmung stärker als die Messwerte.

Sie haben während Ihrer Recherche große Unterschiede in der öffentlichen Wahrnehmung festgestellt: Ofengegner fühlen sich belästigt, Ofenfans verteidigen eine Lebensart. Wie erklären Sie diese Emotionalität?

Jutta von Campenhausen: Holzfeuer ist ein Projektionsraum. Für die einen ist es ein Ärgernis, für die anderen ein Stück Identität. Manche sehen darin ein Symbol für Selbstbestimmung: „Ich heize, wie ich will.“ Andere verbinden damit Tradition, Naturverbundenheit, Heimat. Und natürlich gibt es echte Konflikte: Wenn Rauch in die Nachbarwohnung zieht, ist das ein reales Problem. Aber das Spannende ist: Die Debatte ist selten nur technisch. Kaum jemand sagt: „Ich stören mich an 12 Mikrogramm Feinstaub.“ Es geht immer um Gefühle, Lebensstile, soziale Rollen. Ein Ofen ist ein starkes kulturelles Zeichen – und darum wird so heftig über ihn gestritten.

Sie waren überrascht, wie gut Deutschland waldwirtschaftlich dasteht. Holz gilt hier oft nicht als CO₂-neutral – zu Unrecht?

Jutta von Campenhausen: Ja, ich finde, hier wird zu selten sauber unterschieden. Sachlich gesehen ist Holz CO₂-neutral, wenn der Wald nachhaltig bewirtschaftet wird. Das bedeutet: Der Baum entzieht der Luft während seines Lebens CO₂ und speichert es im Holz. Wird das Holz später verbrannt, gelangt dieselbe Menge wieder in die Atmosphäre. Solange genügend nachwächst – und das tut es in Deutschland –, bleibt der Kreislauf geschlossen. Was viele nicht wissen: Deutschlands Wälder wachsen seit Jahren zu. Es entsteht mehr Holz, als wir nutzen. In Skandinavien ist Holzheizen deshalb völlig selbstverständlich und gilt als ökologisch. Nur in Deutschland ist der Wald so emotional überhöht, dass viele Menschen beim Thema Holz sofort Abholzung und Waldsterben vor Augen haben. Das hat mit den realen Zahlen wenig zu tun.

Zum Schluss: Ihr Buch fragt auch nach dem „guten Leben“. Welche Rolle spielt der Holzofen darin?

Jutta von Campenhausen: Eine sehr große, würde ich sagen. Der Holzofen verbindet etwas, das im modernen Alltag selten ist: Er ist ökologisch sinnvoll – weil er fossile Brennstoffe ersetzt – und zugleich eine Quelle von Lebensqualität. Die Wärme eines Holzfeuers ist körperlich und seelisch anders als jede andere Wärme. Sie ist lebendig, beweglich, sinnlich. Ein Ofen schafft Atmosphäre, Identität, ein Zuhause. Und er gibt uns etwas zurück, das wir im Alltag verloren haben: eine Tätigkeit, die entschleunigt und beglückt. Holz holen, Feuer machen, warten – das sind kleine Rituale, die uns daran erinnern, dass wir Menschen sind und keine Maschinen. In einer Zeit, in der vieles technokratisch diskutiert wird, ist das vielleicht der wichtigste Beitrag des Ofens: Er tut uns gut.

Wer sich weiter mit der kulturellen Bedeutung und der besonderen Wärme des Holzfeuers beschäftigen möchte, findet in Jutta von Campenhausens Buch „Das Kaminfeuer und das gute Leben“ eine kurzweilige und zugleich fundierte Lektüre. Der Band ist im Wallstein Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich – und eignet sich mit seinen eindrucksvollen Geschichten und Beobachtungen auch hervorragend als stilvolles Weihnachtsgeschenk für alle, die Öfen, Feuerkultur und das gute Leben schätzen.

Bezugsquelle: www.wallstein-verlag.de und der gut sortierte Buchhandel.

Zur Person:

Dr. Jutta v. Campenhausen ist Wissenschaftsjournalistin und lebt in Hamburg. Nach dem Biologiestudium besuchte sie die Henri-Nannen-Schule und veröffentlichte neben vielen Artikeln auch Bücher zur Wissenschaftskommunikation. An der Kulturgeschichte des Feuers faszinierte sie besonders, dass Holzfeuer einen direkten Einfluss auf die menschliche Hirnentwicklung und damit auf unsere Biologie hat. 

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