Graz wirkt dieser Tage wie ein Seismograf der Wärmewende. Auf der 8. Mitteleuropäischen Biomassekonferenz trafen Politik, Forschung und Praxis zusammen – vom 21. bis 23. Januar 2026, unter dem Motto „Closing the gap & Keeping on track“. Die Veranstalter zählten 1.500 Tagesteilnahmen und Teilnehmende aus 40 Nationen.
Auffällig war der Ton: weniger Theorie, mehr Umsetzung. Österreichs Bundesminister für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft Norbert Totschnig setzt Biomasse als festen Baustein für Klimaschutz, Versorgungssicherheit und Wertschöpfung. Gleichzeitig startet der Österreichische Biomasse-Verband die Begutachtung einer neuen Biomassestrategie, samt „Regrowth“-Konzept.
Biomasse als Wärmethema – und Holz als Alltagstechnologie
Im Konferenzgespräch ging es oft um Moleküle, Netze und Märkte. Im Alltag landet das Thema am Ende im Heizungskeller oder im Wohnzimmer. Genau dort spielt Holz seine Stärke aus: Scheitholz, Pellets und Hackschnitzel. Das sind Brennstoffe mit Lieferketten in der Region – und mit Technik, die seit Jahren konsequent effizienter wird.
Der Blick nach Deutschland zeigt die Dimension. Erneuerbare Wärme deckte 2024 rund 18 Prozent des Wärmeverbrauchs. Innerhalb dieser erneuerbaren Wärme lieferte Bioenergie über 80 Prozent – und Holz trägt den größten Teil.
Das Thema Holzheizung tauchte deshalb auf der Konferenz so präsent auf: Es geht um Wärme, die im Winter wirklich ankommt. Und es geht um Systeme, die Leistung liefern, wenn Strom knapp wird.
Zahlen, Anlagen, Jobs
Die Steiermark als Gastgeberregion nutzte ihren Standortvorteil offensiv. Landwirtschafts- und Energielandesrätin Simone Schmiedtbauer nannte Biomasse als wichtigsten erneuerbaren Energieträger des Bundeslands mit rund 65 Prozent. Sie verwies auf nachhaltige Waldbewirtschaftung und erwartet auch in den kommenden Jahren ein höheres Aufkommen von Energieholz.
Die harten Fakten aus der Region: mehr als 600 Biomasseheizwerke, 40 Biomasse-KWK-Anlagen und eine Holzindustrie, die entlang der Lieferkette arbeitet. In der Aussendung steht sogar eine konkrete Arbeitsplatzzahl: mehr als 70.000 Jobs hängen in der Steiermark am Rohstoff Holz und seiner Nutzung.
Das sind Größenordnungen, die in Deutschland jeder kommunale Wärmeplaner kennt: Wärmenetze brauchen verlässliche Erzeuger. Biomasseheizwerke liefern diese Verlässlichkeit – besonders in der Spitzenlast.
Modernisierung rückt in den Fokus
Ein Punkt fällt in Graz immer wieder: Modernisierung. In der Steiermark startet laut Schmiedtbauer ab dem 1. Februar erneut die Förderung für den Tausch älterer, nachhaltiger Heizungen hin zu modernen, effizienten Erneuerbaren – im Paket mit Bundesförderung.
Für Holz heißt das ganz konkret: moderne Pelletkessel, effiziente Scheitholzkessel, sauber geregelte Anlagen – plus Speicher. In Deutschland zeigt die Datenlage denselben Trend. Hier gibt es ebenfalls einen Rückgang an Feinstaubemissionen aus Holzfeuerungen, die hauptsächlich mit technischem Fortschritt, strengen Regeln und Förderprogrammen für emissionsarme Technik begründet sind
Wärme zählt, wenn das System unter Druck gerät
Auf dem Podium fiel oft das Wort „Resilienz“. Haushalte bräuchten Wärmequellen, die unabhängig vom Stromsystem funktionieren. Holzfeuerstätten tauchen dort als robuste Ergänzung auf.
In Graz bekam dieser Gedanke eine praktische Erdung. Biomasse ist lagerfähig. Sie liefert Prozesswärme, Fernwärme und Gebäudewärme. Und Biomasse schließt Lücken im Winterbetrieb, wenn Lastspitzen auftreten.
Strategie sucht breite Rückmeldung
Der Österreichische Biomasse-Verband setzte zum Konferenzstart ein Signal: Die neue Biomassestrategie liegt auf dem Tisch und geht in eine breite Begutachtung. Verbandspräsident Franz Titschenbacher beschreibt das Konzept als Weg zu Energie- und Klimazielen mit leistbaren Preisen und hoher Versorgungssicherheit.
Spannend ist zu sehen, dass die Biomassedebatte in Österreich strukturiert ist, in Deutschland ist sie oft zerfasert: Holz als Baustoff, Holz als Energieträger, Holz im Waldumbau, Holz in Wärmenetzen. In Graz laufen diese Fäden zusammen – und am Ende steht wieder die zentrale Frage: Wie bleibt Wärme bezahlbar, regional und verlässlich?