Windräder auf dem Kamm eines Waldes

Zweierlei Maß im Wald

Ein Kommentar von Dr. Johannes R. Gerstner, Advisor der Initiative #ofenzukunft

Wenn man den aktuellen Artikel im Branchenblatt „top agrar“ liest, bleiben Fragen offen. Er erzählt nüchtern vom Vormarsch der Windräder in den Wald, von politischen Zielen, von Gigawatt, Flächenkulissen und Pachteinnahmen. Alles sachlich, alles korrekt. Und doch bleibt nach der Lektüre ein leises Unbehagen.

Eine der Fragen lautet: Mit welchem Maß messen wir eigentlich, wenn es um den Wald geht?

Seit Jahren ist in energiepolitischen Debatten zu hören, Holz sei eine knappe Ressource. Für die energetische Nutzung stehe nicht genügend nachhaltig verfügbares Holz zur Verfügung, heißt es. Der Wald müsse geschont werden, sein Beitrag zum Klimaschutz dürfe nicht überstrapaziert werden. Holzenergie gilt vielerorts als problematisch, bestenfalls als begrenzt tragfähig. Der Wald erscheint dabei als empfindliches System, das wir möglichst wenig anfassen sollten.

Und dann liest man, fast beiläufig, dass gesunde Waldflächen nun in erheblichem Umfang für Windkraftanlagen geöffnet werden. Nicht experimentell, nicht punktuell, sondern systematisch. Mit Fundamenten, Zuwegungen, Kranstellplätzen. Mit Flächen, die für Jahrzehnte aus dem forstlichen Kreislauf herausfallen. Das ist kein vorübergehender Eingriff wie bei der Holzernte, nach der wieder aufgeforstet wird. Es ist ein dauerhafter Nutzungswechsel. Und genau hier beginnt das Messen mit zweierlei Maß.

Der Wald, der gestern noch zu knapp war, um regional Wärme zu liefern, scheint heute plötzlich ausreichend verfügbar, um industrielle Energieinfrastruktur aufzunehmen. Der Wald, dessen Schutz gern gegen die Nutzung von Holz ins Feld geführt wird, wird zugleich zum Standort erklärt, an dem Eingriffe akzeptabel sind – solange sie einem anderen energiepolitischen Ziel dienen. Dieser Widerspruch wird selten offen benannt, noch seltener diskutiert.

Besonders spürbar wird er dort, wo es nicht nur um Wald, sondern auch um Landschaft geht. Der Artikel verweist auf Projekte im Umfeld des Bayerischen Waldes, einer Region, die in Teilen als Naturpark ausgewiesen ist. Ein Naturpark ist kein Nationalpark, rechtlich betrachtet. Aber kulturell, emotional, landschaftlich ist er mehr als bloße „Fläche“. Er steht für nachhaltige Nutzung, für Erholung, für Identität. Genau deshalb reagieren Menschen dort sensibel – nicht aus Fortschrittsverweigerung, sondern aus dem Gefühl heraus, dass sich Maßstäbe verschieben, ohne offen darüber zu sprechen.

Windkraft ist notwendig. Ohne sie wird die Energiewende nicht gelingen. Das steht außer Frage. Aber notwendig heißt nicht widerspruchsfrei. Wer den Wald einmal als schützenswertes Gut und ein anderes Mal als verfügbarer Standort behandelt, je nachdem, welche Technologie gerade im Fokus steht, darf sich über Akzeptanzprobleme nicht wundern.

Die Energiewende braucht keinen Kulturkampf der Technologien. Sie braucht Ehrlichkeit. Ehrlichkeit darüber, dass auch Windkraft im Wald einen Preis hat. Ehrlichkeit darüber, dass nachhaltige Forstwirtschaft und energetische Holznutzung nicht per se Gegner des Klimaschutzes sind. Und Ehrlichkeit darüber, dass der Wald nicht je nach politischem Bedarf mal knapp und mal verfügbar sein kann. Erst wenn das offendiskutiert wird, kommen wir in der Sache Energiewende wirklich weiter.

 

Lesen Sie dazu auch den Artikel: In deutschen Wäldern muss mehr abgeholzt werden

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