Bayern ist ein Holzland. Nicht nur wirtschaftlich oder forstpolitisch. Sondern auch kulturell. In vielen Regionen gehört das Heizen mit Scheitholz seit Jahrhunderten selbstverständlich zum Alltag. Der Kachelofen ist hier nicht nur dekorative Ergänzung, sondern Teil einer gewachsenen Wärmekultur. Entsprechend groß ist bis heute die politische und gesellschaftliche Nähe zur Holzwärme. Dass ausgerechnet Bayern inzwischen zu einem der wichtigsten politischen Zentren der Holzenergie-Debatte geworden ist, überrascht deshalb kaum.
Mit dem „Pakt Holzenergie Bayern“ begann die Staatsregierung bereits 2024 damit, Holzenergie ausdrücklich als Bestandteil der Energie- und Wärmewende politisch zu stärken. Ziel ist es, die energetische Nutzung von Holz weiterzuentwickeln und stärker mit Fragen der Versorgungssicherheit, regionalen Wertschöpfung und Technologieoffenheit zu verbinden. Aus diesem Ansatz entstand später die „Länderinitiative Holzenergie“, an der inzwischen mehrere Landesministerien sowie zahlreiche Verbände und Organisationen beteiligt sind. Der Runde Tisch Holzenergie am 11. Mai 2026 im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie zeigte nun, wie stark sich die Debatte verschiebt. Ging es früher oft um Förderkulissen oder Emissionsgrenzwerte, standen diesmal Begriffe wie Resilienz, Krisenvorsorge, Netzstabilität und Versorgungssicherheit im Mittelpunkt.
Eingeladen hatte Hubert Aiwanger, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie sowie stellvertretender Ministerpräsident des Freistaats Bayern. Aiwanger gehört seit Jahren zu den profiliertesten politischen Befürwortern von Holzenergie und technologischer Offenheit im Wärmesektor. Entsprechend aufmerksam wurde in der Branche verfolgt, wie deutlich sich das Ministerium inzwischen auch mit Fragen der Versorgungssicherheit und dezentralen Wärmeversorgung beschäftigt.
Die Initiative #ofenzukunft nutzte den Termin, um ihre Versorgungssicherheitsstudie sichtbar in die politische Diskussion einzubringen. Die Studie wurde Staatsminister Aiwanger sowie den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Runden Tisches zur Verfügung gestellt und bildete an mehreren Stellen die Grundlage für Gespräche über dezentrale Wärmeversorgung und die Rolle moderner Holzfeuerstätten in einem zunehmend elektrifizierten Energiesystem.
Für die Initiative #ofenzukunft nahmen Dr. Johannes R. Gerstner und Guido Eichel an der Veranstaltung teil. Parallel dazu stellte Torben Niemann als Projektleiter der Initiative Holzwärme sowie Vertreter von HKI und BDH Überlegungen zur Systemintegration von Holzenergie vor. Dabei griff er auch zentrale Erkenntnisse der Versorgungssicherheitsstudie der Initiative #ofenzukunft auf. In München war dabei spürbar, dass innerhalb der Branche zunehmend kollegial gemeinsame Argumente gesucht, gefunden und vermittelt werden, wenn es um Versorgungssicherheit, Resilienz und die Rolle moderner Holzwärme im Energiesystem geht.
Genau darin lag die eigentliche Verschiebung dieses Termins. Der Holzofen wurde nicht mehr bloß als Behaglichkeitstechnologie betrachtet. Nicht als nostalgisches Wohnaccessoire. Sondern als Teil einer robusten Wärmeinfrastruktur. Die Frage lautete nicht mehr nur: Wie emissionsarm ist moderne Holzenergie? Sondern zunehmend auch: Was passiert eigentlich, wenn elektrische Systeme unter Druck geraten?
Torben Niemann verwies in seinem Vortrag auf die erheblichen elektrischen Höchstlasten, die mit dem massiven Ausbau von Wärmepumpen verbunden sein könnten. Bis 2045 könnten Wärmepumpen elektrische Spitzenlasten von rund 55,9 Gigawatt verursachen. Moderne Holzfeuerstätten könnten diese Lasten zumindest teilweise reduzieren, insbesondere in kalten Dunkelflauten oder angespannten Netzsituationen. Vorgestellt wurden verschiedene Hybridlösungen aus Wärmepumpen und Holzfeuerstätten, die eine netzdienliche Ergänzung ermöglichen sollen.
Besonders intensiv diskutiert wurde dabei der Gedanke der „dezentralen Reserve“. Moderne Holzöfen wurden nicht als Gegenmodell zur Wärmepumpe verstanden, sondern als zusätzliche Sicherheitsschicht innerhalb eines hybriden Wärmesystems. Gerade in Krisensituationen oder bei Netzüberlastungen könne eine Einzelraumfeuerstätte Wärmeversorgung absichern, wenn zentrale Systeme an Grenzen geraten. Dieser Gedanke zieht sich auch durch die Versorgungssicherheitsstudie der Initiative #ofenzukunft. Dort wird argumentiert, dass die bereits vorhandenen Feuerstätten in Deutschland eine bestehende Infrastruktur darstellen, die in der politischen Debatte bislang kaum systematisch berücksichtigt wird. Laut ZIV existieren derzeit rund 11,7 Millionen Holzeinzelfeuerstätten in Deutschland.
Auffällig war, wie offen diese Überlegungen inzwischen auch politisch diskutiert werden. Staatsminister Aiwanger nahm sich während der Veranstaltung ausführlich Zeit für Gespräche mit Verbänden, Wissenschaft und Industrie. Auch nach dem offiziellen Programm wurde weiterdiskutiert. Beim gemeinsamen Mittagessen ging es unter anderem um die laufende Bearbeitung der Ersten Bundesimmissionsschutzverordnung und um die regulatorische Zukunft moderner Einzelraumfeuerstätten.
Die weiteren Fachvorträge des Tages machten zugleich deutlich, dass Holzenergie insgesamt zunehmend in größeren energiepolitischen Zusammenhängen gedacht wird. Prof. Dr. Hubert Röder von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf stellte umfangreiche Daten zu Holzpotenzialen und Versorgungssicherheit vor. Bayern verfüge über die höchsten Holzvorräte Europas. Gleichzeitig könne Holzenergie einen erheblichen Beitrag dazu leisten, fossile Energieimporte zu reduzieren. Ohne Holzenergie müsste Deutschland zusätzliche Milliarden Kubikmeter Erdgas importieren. Röder verband Fragen des Klimaschutzes ausdrücklich mit Versorgungssicherheit, Waldumbau und regionaler Wertschöpfung.
Dr. Ralf Petercord aus Nordrhein-Westfalen zeichnete wiederum ein eindringliches Bild der klimatischen Belastungen für den Wald. Seine Botschaft war klar: Klimastabile Wälder werde es nur mit aktiver, nachhaltiger Waldbewirtschaftung geben. Nutzungsverzicht allein sei keine tragfähige Antwort auf den Klimawandel.
Bemerkenswert war zudem der Blick nach Österreich. Christoph Pfemeter vom Österreichischen Biomasseverband beschrieb Holzenergie dort nicht als Nischentechnologie, sondern als selbstverständlichen Bestandteil einer modernen Energiepolitik. Seine Botschaft: Holzenergie werde in Österreich längst offensiv als strategischer Baustein der Wärmeversorgung verstanden.
Für die Initiative #ofenzukunft war der Termin deshalb weit mehr als ein gewöhnlicher Branchenaustausch. Der Runde Tisch in München zeigte, dass die Themen Versorgungssicherheit, Krisenvorsorge und dezentrale Wärmeversorgung inzwischen sichtbar in der energiepolitischen Debatte angekommen sind. Moderne Scheitholz- und Speicheröfen werden zunehmend nicht mehr nur als Zusatzheizung betrachtet, sondern als Bestandteil eines widerstandsfähigen Wärmesystems.
Guido Eichel zog entsprechend ein positives Fazit: „Der Austausch in München hat gezeigt, dass die Diskussion deutlich differenzierter geworden ist. Staatsminister Hubert Aiwanger hat sich intensiv Zeit genommen und offen diskutiert. Gerade die Verbindung aus moderner Holzwärme, Versorgungssicherheit und regionaler Wertschöpfung wird inzwischen zunehmend ernst genommen.“
Der Runde Tisch machte damit vor allem eines deutlich: Die Debatte über Holzenergie verändert sich grundlegend. Weg von einfachen Gegensätzen zwischen einzelnen Technologien. Hin zu der Frage, wie ein bezahlbares, resilientes und dezentrales Wärmesystem der Zukunft aussehen kann. Und in dieser Diskussion spielt der moderne Holzofen plötzlich wieder eine strategische Rolle.