In Deutschland existieren rund 11,7 Millionen Einzelraumfeuerstätten, die laut einer von Ihnen mitverfassten Studie aus dem Jahr 2017 zusammen eine Wärmeleistung von geschätzt 80 bis 100 Gigawatt Wärme erbringen können. Wie ordnen Sie diesen Bestand energiepolitisch ein?
Prof. Dr. Volker Lenz: Wenn man sich diese Zahlen vor Augen führt, erkennt man schnell, dass es sich um eine beeindruckende Reserve handelt. Wir sprechen über eine installierte Wärmeleistung, die in etwa der gesicherten Leistung unserer Strombereitstellung entspricht. Natürlich sind diese Feuerstätten dezentral verteilt, und sie laufen weder synchron noch sind sie in ihrer Gesamtheit so gut steuerbar wie ein Kraftwerk. Aber das ändert nichts daran, dass sie in Summe eine Größe darstellen, die man energiepolitisch ernst nehmen sollte. Bisher wird dieser Aspekt kaum in die Debatte einbezogen. Einzelraumfeuerstätten gelten in erster Linie als Zusatzheizung oder werden als Komfortelement empfunden – als „Kamin im Wohnzimmer“. Doch betrachtet man die Energiewirtschaft systemisch, dann könnten sie viel mehr sein: Sie stellen eine Art stille Reserve dar, die jederzeit aktiviert werden kann, wenn Haushalte es für nötig halten. Und genau diese Flexibilität ist in der heutigen Welt von großer Bedeutung.
Versorgungssicherheit ist mehr als die individuelle Wärme im Wohnzimmer. Welche systemische Rolle können Einzelraumfeuerstätten künftig spielen?
Prof. Dr. Volker Lenz: Versorgungssicherheit bedeutet im engeren Sinn die Fähigkeit des Gesamtsystems, zu jeder Zeit und unter allen Umständen mit einer von der Allgemeinheit akzeptierten Ausfallwahrscheinlichkeit ausreichend Energie bereitzustellen. Einzelraumfeuerstätten können diese Funktion auf zwei Ebenen unterstützen. Erstens, indem sie im Alltag helfen, Lastspitzen im Stromnetz abzufangen und so zu einer unterbrechungsfreien Stromversorgung beizutragen. Das wird immer wichtiger, weil wir im Zuge der Wärme- und der Mobilitätswende eine massive Elektrifizierung erleben – Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge erhöhen den Strombedarf vor allem in den Verteilnetzen. Diese sind heute schon an vielen Stellen zu gewissen Zeiten an der Belastungsgrenze. Wenn gerade bei niedriger erneuerbarer Strombereitstellung und hohem Wärmebedarf viele Haushalte zur passenden Zeit ihre Öfen nutzen, entlastet das das Stromnetz spürbar. Zweitens, indem sie in Versorgungskrisen die Resilienz steigern, in dem sie eine Notreserve zur stromunabhängigen Wärmeversorgung bilden. Die Herausforderung bei der Nutzung der Einzelraumfeuerungen liegt bisher darin, dass dieser Einsatz häufig unkoordiniert abläuft. Es ist aber machbar, über digitale Anwendungen, Preissignale oder technische Ergänzungen einen bewussteren, systemdienlicheren Einsatz zu erreichen. Dann könnte aus der Summe der 11,7 Millionen Feuerstätten leicht ein steuerbarer Beitrag von mehreren GW zur Versorgungssicherheit entstehen.
Ein oft hervorgehobener Vorteil von Biomasse ist die Lagerfähigkeit. Warum ist das für die Energieversorgung so bedeutsam?
Prof. Dr. Volker Lenz: Holz ist ein Energieträger, der sich fundamental von den meisten anderen erneuerbaren Quellen unterscheidet. Strom aus Wind oder Photovoltaik muss sofort genutzt oder gespeichert werden – Stromspeicher sind heute noch teuer und begrenzt, erleben aber eine zunehmende Verbreitung und sinkende Kosten. Gas und Öl sind global gehandelte Güter, die wir in der Regel importieren und deren Verbrennung massiv unser Klima schädigt. Holz hingegen ist ein nachwachsender Rohstoff, der direkt aus der Region kommt und sich über Jahre lagern lässt. Das bedeutet, dass Haushalte oder auch ganze Regionen ihre Energieversorgung zumindest für Lastspitzen und Engpässe bei der Versorgung mit fluktuierenden erneuerbaren Energien ein großes Stück weit selbst absichern können. Scheitholz kann mehr als zehn Jahre aufbewahrt werden. Das ist ein unschätzbarer Vorteil, weil es nicht von geopolitischen Krisen oder Marktpreisen abhängt. Biomasse ist eine lokal verfügbare, strategisch relevante Ressource, die einen Puffer gegen globale Unsicherheiten bildet.
Sie unterscheiden zwischen Versorgungssicherheit und Resilienz. Können Sie diese Differenzierung genauer erläutern?
Prof. Dr. Volker Lenz: Versorgungssicherheit meint die kontinuierliche, planbare Bereitstellung von Energie. Sie ist ein ökonomisches und technisches Konzept, das etwa durch Netzausbau, Speicher oder Importverträge abgesichert wird. Resilienz hingegen bedeutet Robustheit im Krisenfall. Es geht darum, wie ein System auf Schocks reagiert – etwa einen länger andauernden Stromausfall, eine plötzliche Unterbrechung von Gaslieferungen oder extreme Wetterereignisse. Für die Resilienz gilt: Jede einzelne Feuerstätte ist wertvoll, weil sie in einer Krise Wärme bereitstellt, unabhängig von Netzen oder Märkten. Für die Versorgungssicherheit im engeren Sinn braucht es dagegen modernere, emissionsarme Technik und Mechanismen, die Feuerstätten sinnvoll ins Energiesystem einbinden. Man muss diese beiden Ebenen unterscheiden, sonst redet man leicht aneinander vorbei.
Was bedeutet das konkret im Fall eines längeren Stromausfalls?
Prof. Dr. Volker Lenz: Ein Blackout ist ein Szenario, das in der Fachwelt sehr ernst genommen wird. Schon ein Ausfall von ein bis zwei Tagen hätte gravierende Folgen, weil dann Wasserver- und Abwasserentsorgung schnell ausfallen können, Infrastruktur beschädigt wird und ganze Regionen lahmgelegt werden können. In einer solchen Situation sind Wärmepumpen ohne Strom funktionslos und selbst Biomassekessel sind ohne einen eigenen Stromspeicher im Haus nicht betreibbar. Ein einfacher Kaminofen oder Kachelofen dagegen funktioniert sofort. Das ist kein Komfortthema, sondern eine grundlegende Sicherheitsfrage. Millionen Haushalte sind in der Lage, ihre Wohnräume frostfrei zu halten und sich somit zumindest vorübergehend selbst zu versorgen. Das bedeutet nicht, dass jeder bequem weiterheizen könnte, aber die elementare Funktion – Schutz vor Kälte – wäre gewährleistet. In diesem Sinne sind Einzelraumfeuerstätten eine stille Reserve für den Katastrophenfall.
Kritiker verweisen auf die Emissionen. Wie lässt sich der Zielkonflikt zwischen Versorgungssicherheit, Resilienz, Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit lösen?
Prof. Dr. Volker Lenz: Der Zielkonflikt ist gerade im Hinblick auf die Wirtschaftlichkeit unbestreitbar. Auf der einen Seite haben wir Holzöfen als Sicherheitsoption, auf der anderen Seite dürfen wir die Luftreinhaltung nicht gefährden. Die Lösung liegt in der Technik und im Betrieb. Moderne Geräte mit automatischer Verbrennungsregelung, Katalysatoren oder elektrostatischen Abscheidern erreichen niedrige Emissionen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass die Nutzer geschult werden: trockenes Holz, richtiges Anheizen, keine Überlastung – all das hat enorme Wirkung auf die Emissionen. Diese Geräte haben teilweise auch Wassertaschen und einen Anschluss an das zentrale Heizungssystem und können mittels einer App sehr zielgerichtet zur Versorgungssicherheit beitragen. Die mit allen diesen technischen Maßnahmen verbundenen Kosten rentieren sich aber nur bei einem gut ins System eingebundenen regelmäßigen Betrieb. Für den hoffentlich möglichst selten auftretenden Resilienzfall wird man aber auch alte Geräte, die nicht mehr regelmäßig betrieben werden, tolerieren wollen, um im Notfall Wärme bereitzustellen. Wenn es um die systemische Versorgungssicherheit geht, dann führt aus Sicht des DBFZ kein Weg an moderner, emissionsarmer Technik vorbei, die zielführend ins Heizkonzept integriert ist. In der öffentlichen Diskussion müsste man diese Unterscheidung klarer ziehen, statt pauschal ganze Gerätegruppen zu diskreditieren.
Welche Rolle können Einzelraumfeuerstätten bei der Reduktion von Stromspitzenlasten spielen?
Prof. Dr. Volker Lenz: Das ist eine der spannendsten Fragen für die Zukunft. Wir sehen schon heute, dass Wärmepumpen im Winter erhebliche Lastspitzen erzeugen. Diese Lasten sind für die Verteilnetze häufig problematisch. Wenn in solchen Situationen Haushalte bewusst ihre Öfen nutzen, sinken die Strombedarfsspitzen merklich. Der Effekt ist heute schwer zu quantifizieren, da die wenigsten Einzelraumfeuerungen bisher koordiniert eingesetzt werden. Aber mit digitalen Tools, etwa App-basierten Hinweisen, ließe sich dieser Beitrag bewusst aktivieren. Man könnte Haushalten signalisieren: „Heute Abend zwischen 18 und 20 Uhr ist die Netzlast besonders hoch, bitte heizen Sie mit dem Ofen und vermeiden den Betrieb ihrer Wärmepumpe.“ Wenn nur ein Bruchteil der 11,7 Millionen Feuerstätten so gesteuert würde, hätte das einen spürbaren Effekt auf die Netzstabilität. Das ist ein enormes, bislang ungenutztes Potenzial für eine stabile Energiewende.
Wird dieser Beitrag in der rechtlichen Rahmensetzung angemessen berücksichtigt?
Prof. Dr. Volker Lenz: Leider nicht. Die Diskussion um Einzelraumfeuerungen ist stark von Emissionen und der Heizwirkung geprägt. Dahingegen bleibt die Sicherheitsdimension weitgehend unberücksichtigt. Dabei zeigt schon die Praxis, dass man den Resilienzbeitrag stillschweigend anerkennt: Alte Öfen dürfen in vielen Gebäuden verbleiben, obwohl sie emissionsrechtlich nicht mehr betrieben werden dürften – einfach, damit sie im Notfall genutzt werden können. Das kann man als stillschweigendes Eingeständnis interpretieren, dass Feuerstätten sicherheitspolitisch relevant sind. Ich halte es für notwendig, diesen Aspekt explizit in der Vorbereitung auf Katastrophen mitzudenken und in Vorbeugungsmaßnahmen und -ratschlägen zu berücksichtigen. Für die Versorgungssicherheit sind ins Heizsystem integrierte moderne Einzelraumfeuerungen mit niedrigen Emissionen in energiepolitische Strategien mit aufzunehmen. Versorgungssicherheit und Resilienz müssen auch für Einzelraumfeuerungen als weitere Zielgrößen der Energiewende anerkannt werden.
Versorgungssicherheit und Resilienz haben auch eine psychologische Dimension. Wie wichtig ist das Sicherheitsgefühl, das Menschen mit einem eigenen Ofen verbinden?
Prof. Dr. Volker Lenz: Sehr wichtig. Energieversorgung ist nicht nur eine Frage von Technik und Kosten, sondern auch von Vertrauen. Viele Menschen wollen wissen, dass sie im Notfall nicht völlig abhängig sind von Netzen, Märkten oder politischen Entscheidungen. Ein eigener Ofen kann ihnen dieses Gefühl geben. Das reduziert dann Ängste, stärkt das Vertrauen in eine eigene gefühlte Handlungsfähigkeit und erhöht die gesellschaftliche Resilienz. Gerade in Krisenzeiten, wenn Unsicherheit groß ist, spielt dieses psychologische Sicherheitsgefühl eine zunehmende Rolle.
Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht am dringendsten, um den doppelten Beitrag von Einzelraumfeuerstätten – Versorgungssicherheit und Resilienz – besser zu nutzen?
Prof. Dr. Volker Lenz: Wir brauchen dazu drei Säulen. Erstens: eine klare Anerkennung der Sicherheitsfunktion von Feuerstätten im Rechtsrahmen, etwa im Energiesicherungsgesetz oder in den Leitlinien des Katastrophenschutzes. Zweitens: eine gezielte Förderung moderner, emissionsarmer und systemintegrativer Technik, die Umweltschutz und Versorgungssicherheit zusammenführt. Drittens: die Etablierung smarter Steuerungsinstrumente, mit denen man die Feuerstätten systemdienlich nutzen kann. Damit hätten wir eine Wärmeoption, die ökologisch verantwortbar, ökonomisch sinnvoll und sicherheitspolitisch wertvoll ist. Diese Chance sollten wir nutzen.