„Brennholz macht den Wald nicht kaputt“

Warum nachhaltige Holznutzung auch eine energetische Nutzung erlaubt und CO2-Neutralität gar nicht das Thema ist

Die Initiative #ofenzukunft möchte für Wissenstransfer und Meinungsbildung im Bereich Biomasse sorgen. Dazu gehört auch eine Interviewreihe, die sie gemeinsam mit der Zeitschrift Kachelofen & Kamin veröffentlicht. Befragt werden Expertinnen und Experten aus Politik, Forschung und der Industrie. In der aktuellen Ausgabe sprechen der Waldökologe Prof. Roland Irslinger und Dr. Volker Lenz, Bereichsleiter am Deutschen Biomasseforschungszentrum DBFZ, mit Dr. Johannes R. Gerstner über die Verfügbarkeit von Holz, den Waldumbau und einen möglichen CO2-Preis für Brennholz.

Dr. Johannes R. Gerstner: Herr Dr. Lenz, ist Holzenergie nachhaltig?

Dr. Volker Lenz: Es ist vom Kontext abhängig. Wenn man einen Baum nur fällt und nicht aufforstet, dann ist es meistens nicht nachhaltig. Aber das passiert in Deutschland oder Europa grundsätzlich nicht. Hier ist die Forstwirtschaft traditionell von einem Nachhaltigkeitsgedanken geprägt, allein von der Menge her sind Deutschland und ganz Europa gut aufgestellt. Allerdings kann man Nachhaltigkeit auch weiter definieren. Auch der Erholungswert eines Waldes kann bei der Definition eine Rolle spielen, ebenso wie der Lebensraum für Biodiversität und der Klimaschutz.

Prof. Roland Irslinger: Es ist so, wie Dr. Lenz sagt: vom Kontext abhängig. Carl von Carlowitz hat den Ursprungsgedanken einer nachhaltigen Forstwirtschaft geprägt – man entnimmt nicht mehr, als nachwächst. Allerdings war damals, im 17. und 18. Jahrhundert, der Holzvorrat noch geringer. Wir nutzen in Deutschland seit Jahrzehnten weniger, als nachwächst. Wir haben also mengenmäßig schon seit langer Zeit nachhaltige Forstwirtschaft und damit auch hohe Holzvorräte. Fördern wir, wenn wir das Holz nicht aus dem Wald entnehmen und stofflich oder energetisch nutzen, wirklich Biodiversität, Arten- oder Bodenschutz? Nein, wir behindern diese Effekte sogar. Der Wald in Europa, auch in Deutschland, ist überwiegend Kulturwald, also menschengemacht. Wir müssen ihn aktiv bewirtschaften, um die positiven Aspekte zu erhalten. Im Schwarzwald müssen Bäume entnommen werden, damit Tiere wie der Auerhahn weiterhin einen Lebensraum finden. Dazu kommen Bäume, die aufgrund des Käferbefalls dringend entnommen werden müssen. Ein „natürlicher“ unberührter Wald ist eine schöne romantische Vorstellung, hat aber nichts mit Nachhaltigkeit zu tun.

Dr. Johannes R. Gerstner: Es gibt ja manchmal sehr romantische Vorstellungen von Wäldern, auch Naturwäldern. Leider finden die sich teilweise auch in den ersten Entwürfen der Nationalen Biomassestrategie NABIS wieder, von der gerade schon einzelne Entwürfe kursieren.

Prof. Roland Irslinger: Menschen auf dem ganzen Globus haben unterschiedliche Vorstellungen davon, wie ein Wald aussehen sollte. Auf der Schwäbischen Alb denken die Menschen bei Wald an Buchen, im Schwarzwald an Fichten und Tannen. Kindheitserinnerungen an den Wald prägen die Erwartungen sehr. Dazu kommt, dass man ständig mit dem Roden des Regenwaldes über Medien in Berührung kommt und das als globale Gefahr wahrnimmt. Daraus resultiert, dass Menschen bei Befragungen eher dazu tendieren, dass man den Wald auch bei uns in Ruhe lassen sollte und empfinden dies als Naturschutz. Dieses romantische Bild machen sich dann auch noch einige Autoren in letzter Zeit zunutze, die dem Wald dann auch noch eine gewisse Persönlichkeit unterstellen. Die Statistik zeigt, dass zehn Prozent des Waldes gar nicht genutzt werden, also mehr als die zwei Prozent naturgeschützte Fläche. Nimmt man die Zigmillionen geschützten Habitatbäume hinzu, kommt man insgesamt auf 20 Prozent, die gar nicht genutzt werden. Den Rest können wir guten Gewissens nachhaltig forstwirtschaftlich nutzen.

Dr. Johannes R. Gerstner: Ein Diskussionspunkt ist ja immer CO2-Neutralität der energetischen Holznutzung. Müssen wir hier ebenso wie bei der Waldnutzung differenzieren. Gibt es eine physikalische und eine moralische Betrachtung der CO2-Bilanz?

Prof. Irslinger: Wenn eine Tonne CO2 im Wald durch Photosynthese gebunden wird und gleichzeitig eine Tonne CO2 an die Atmosphäre abgegeben wird, kommt am Ende Null raus. Das ist hier so wie bei allen physikalischen Gleichgewichten. Im Falle von Holz haben wir ein so genanntes dynamisches Gleichgewicht. Es geht ständig CO2 rein und raus. Die Frage ist, ob wir die Möglichkeit haben, CO2 zusätzlich zu binden, um überschüssiges CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen. Wenn wir also Holz im Wald belassen, binden wir dort zwar CO2. Allerdings sinkt mit dem zunehmenden Alter eines Waldes die CO2-Senke, also die Menge an Kohlenstoff, die laufend zusätzlich vom Wald aufgenommen werden kann. Bäume sterben, Totholz entsteht und CO2 wird durch Zersetzung freigesetzt. Unsere Landschaft, damit auch die Wälder, hat eine bestimmte Kohlenstofftragfähigkeit, darüber sollten wir nicht hinaus gehen. Wir brauchen allein schon aufgrund des Klimawandels, der zunehmenden Trockenheit und dem immer extremer werdenden Wetter einen Puffer. Das bedeutet aber nicht, dass wir nur noch Naturwälder haben dürfen. Eine gute Speicherfähigkeit haben wir nur in gut und nachhaltig bewirtschafteten Wäldern.

Dr. Volker Lenz: Ich würde mich gar nicht so sehr an der CO2-Neutralität der Holznutzung begrifflich abarbeiten wollen. Wir müssen schnell mit dem Klimaschutz vorankommen. Wenn wir unter dem Gesichtspunkt globaler Gerechtigkeit ein halbwegs lebenswertes Klima erhalten wollen, dann haben wir in Deutschland eine sehr kurze Zeitschiene von nur noch 10 bis 15 Jahren um Klimaneutralität zu erreichen. Wir als Deutsches Biomasseforschungszentrum sind nicht gegen eine Waldbewirtschaftung. Ein Wald muss gepflegt und umgebaut werden, allein da fällt schon Holz an. Im Extremfall kann es sogar sein, dass man einen Wald um ihn zu erhalten, im Bestand zwischenzeitlich stark reduzieren muss. Bei der Nutzung des Holzes muss aber gefragt werden, was am klimaeffizientesten ist, d.h. nicht nur klimaneutral im engeren Betrachtungsfeld, sondern was erbringt zu möglichst niedrigen volkswirtschaftlichen Kosten einen möglichst hohen Klimaschutzbeitrag. Ich muss fossilen Kohlenstoff ersetzen und vermeiden. Verwende ich Holz zum Bauen, dann binde ich nicht nur langfristig CO2 in Gebäuden, sondern vermeide auch massiv CO2, indem ich weniger Stahl oder Beton erzeugen muss. Bei der energetischen Nutzung ist es beispielsweise wenig klimaeffizient, wenn ich im Sommer eine Pelletheizung laufen lasse, die mit CO2-Ausstoß verbunden Warmwasser erzeugt, während Sonnenenergie im Übermaß vorhanden ist. Ebenso wenig ist es klimaeffizient, im Winter Wärmepumpen mit Kohlestrom zu betreiben, während ich dann von Biomasse profitieren könnte. Die energetische Nutzung von Holz muss für eine hohe Klimaeffizienz richtig gestaltet werden: In modernen Geräten mit Feinstaub-Emissionsminderung und einem Nutzer, der weiß was er tut. Wir sollten uns gesellschaftlich und politisch überlegen, wie man eine klimaeffiziente und faire Verteilung für die vorhandenen Holzpotenziale herbeiführen kann. Irgendwann wird eine Regelung bis ins Kleinklein hanebüchen. Besser könnte ein marktbasiertes Instrument sein. Daher haben wir als Deutsches Biomasseforschungszentrum angestoßen, über ein Instrument wie einen CO2-Preis für Energieholz gekoppelt mit einer gleichzeitigen Förderung bestimmter sehr klimaeffizienter Anwendungen aus den Einnahmen nachzudenken. Ein solches Instrument würde, wenn die Preise aller Energiebereitstellungsoptionen – u.a. auch der Strom – konsequent Klima- und Umweltschutzkosten abbilden, über den Markt regeln, wann Holz als Energieträger interessant ist und wann nicht.

Prof. Roland Irslinger: Ich halte den Begriff CO2-Preis für falsch, Holz ist CO2-neutral.

Dr. Volker Lenz: Im Grunde ist es egal, wie man es nennt, wir haben hier nur ein Gedankenspiel mit einem vorhandenen energiepolitischen Instrument angestellt. Am Ende muss es eine Lenkungswirkung haben, und man muss den Preis mit anderen Instrumenten koppeln. Und man muss natürlich auch in allen anderen Energiebereichen die realistischen CO2-Preise nicht nur aufschlagen, sondern auch zeitabhängig nach CO2-Aufkommen für den Endkunden ausdifferenzieren – z.B. mit Erzeugungsmix abhängigen CO2-Kosten im Strombereich.

Prof. Roland Irslinger: Allerdings kann ich einen Anreiz schaffen, Holz stofflich zu nutzen. Eine Konkurrenz zwischen der stofflichen Nutzung und der energetischen Verwertung sehe ich aber nicht. Es ist genügend Holz da, und das wird sich auch in den nächsten 20 bis 25 Jahren nicht ändern. Durch den notwendigen Waldumbau wird es eher noch mehr werden. Die Vorstellung, dass wir die Wälder leerheizen, ist falsch. Laubbäume können wir stofflich gar nicht so gut nutzen wie Nadelbäume. Ihre Stämme wachsen nicht gerade, der Baum wächst insgesamt langsamer. So genannte Baubuche muss mit einem hohen energetischen Aufwand erzeugt werden, es ist eine Form von Leimholz. Das Holz kann ich dann gar nicht mehr wiederverwenden, weil es voller Chemie steckt. Ich kann es nur noch in einem Müllheizkraftwerk verwerten.

Dr. Johannes R. Gerstner: Also ist es durchaus nachhaltig, Holz auch energetisch zu nutzen?

Prof. Roland Irslinger: Das Ziel, mit dem unsere Wälder angelegt wurden, war und ist auch heute die stoffliche Nutzung. Ein Wald soll Stammholz erzeugen, um damit Möbel oder Häuser zu bauen. Dazu muss man kleinere und schwächere Bäume entnehmen, um die gewünschten Qualitäten zu erhalten. Bäume brauchen Platz und keine Konkurrenzsituation. Es ist also so, dass nicht nur bei der stofflichen Verwertung von Stammholz Reste anfallen, die man beispielsweise als Pellets energetisch nutzen kann, sondern auch bei der nachhaltigen Bewirtschaftung eines Nutzwaldes. Da fallen Sortimente an, die man gar nicht stofflich nutzen kann. Und noch ein Aspekt: In Deutschland haben wir viele kleine Privatwälder. Ich finde doch für drei Fichten in vielen Fällen keinen Abnehmer, der das wirtschaftlich als Stammholz abholen möchte, also bleibt da oft nur die energetische Verwertung. Holz ist bei einer stofflichen Nutzung ein Koppelprodukt. 20 Prozent sind Reststoffe, die bei der Bewirtschaftung der Wälder und der Bearbeitung von Holz als Baustoff oder Möbelmaterial anfallen.

Dr. Volker Lenz: Ich bin im Grunde bei Prof. Irslinger. In Deutschland haben wir sehr breit Nutzwälder, die auf Ertrag ausgerichtet sind. Wenn ich Holz schlage, gibt es hochqualitative und weniger qualitative Sortimente. Natürlich kann man auch weniger gute Sortimente stofflich nutzen, etwa als Spannplatten oder auch als Fasermaterial für verschiedenste Anwendungen. Aber das ist heute oft noch nicht wirtschaftlich. Neben der Holzproduktion müssen Wälder auch zunehmend weitere Aufgaben erfüllen. Da gibt es die Aufgabe als Lebensraum verschiedener Arten oder die Erholung des Stadtmenschen. Dieser hat natürlich die Vorstellung, einen möglichst natürlichen und dichten Wald für Spaziergänge und Wanderungen vorzufinden. Man muss bei allen Ansprüchen an den Wald als natürlicher Lebensraum, Lieferant von Holz und Erholungsort eine faire und gerechte Verteilung erreichen. Das gilt auch für die energetische Nutzung des Holzes. Politik sollte aber nicht nur eine einzelne Meinung widerspiegeln, sondern das Ganze auch wissenschaftlich reflektieren. Dann muss man eben auch reflektieren, ob man einen Wald als Naturwald erhalten kann, oder ob es dann nicht nur zu toten Stangen kommt, die eine hohe Anfälligkeit für Waldbrände haben. Und am Ende dann noch mehr Ruß verursachen, wie wenn man das Holz energetisch sinnvoll genutzt hätte.

Danke für das Gespräch.

Prof. Roland Irslinger, Jahrgang 1949, war von 1982 bis 2014 Professor für Waldökologie an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg am Neckar. Er forschte in der Mata Atlântica, dem atlantischen Regenwald Brasiliens, und war beratend tätig beim Aufbau des WWF-Goldstandards zur Zertifizierung von Aufforstungsprojekten für den Klimaschutz. Er ist zudem Mitglied im Kuratorium Nachhaltiges Wirtschaften.

Dr. Volker Lenz beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Emissionsminderung von biogenen Festbrennstofffeuerungen und der Weiterentwicklung von erneuerbaren Wärmeversorgungskonzepten mit biogenen Festbrennstoffen. Er ist Bereichsleiter für thermo-chemische Konversion an der Deutsches Biomasseforschungszentrum gemeinnützige GmbH (DBFZ) und Forschungsschwerpunktleiter für intelligente Biomasseheiztechnologien. Er ist Mitautor des DBFZ-Diskussionspapier „Nachhaltigkeit von Holzenergie“.

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