Portrait von Axel Friedrich

„Wir haben die Technik, um Holzöfen deutlich sauberer zu machen“

Ein Gespräch über Feinstaub, Regulierung und die Frage, wie Emissionsminderung ohne pauschale Verbote gelingen kann

Am 24. Januar 2026 veröffentlichte DER SPIEGEL das Interview „Holzofen: Feinstaub wird trotz Kaminverbot nicht weniger“, in dem Fragen der Luftreinhaltung, der Messmethodik und der politischen Wirksamkeit bestehender Regelungen erneut zugespitzt diskutiert wurden. Der Beitrag hat eine intensive öffentliche Debatte ausgelöst – nicht zuletzt, weil er den Holzofen als verbleibende relevante Emissionsquelle in den Fokus rückt.

Vor diesem Hintergrund haben wir den Austausch mit Axel Friedrich gesucht. Friedrich zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Stimmen der deutschen Luftreinhaltepolitik und arbeitet unter anderem als Berater für Umweltorganisationen wie die Deutsche Umwelthilfe. Spätestens seit Dieselgate gilt er als einer jener Experten, die beharrlich auf Vollzugsdefizite, Messlücken und politische Ausweichbewegungen hingewiesen haben – zugleich aber immer auch konkrete technische Lösungen eingefordert haben.

Das Gespräch versteht sich ausdrücklich nicht als Gegenrede zum SPIEGEL-Interview, sondern als Einladung zu einem sachlichen und lösungsorientierten Diskurs. Ziel ist es, die Debatte um Holzöfen zu entpolarisieren, methodische Fragen transparent zu machen und aufzuzeigen, wie Emissionen durch präzisere Messansätze, moderne Abgasreinigungstechniken und eine kluge Regulierung wirksam reduziert werden können.

Im Mittelpunkt steht dabei nicht die pauschale Infragestellung des Ofens, sondern die Frage, wie Luftreinhaltung, technischer Fortschritt und eine verantwortungsvolle Nutzung von Holzfeuerungen sinnvoll zusammengeführt werden können.

 Frage:

Herr Friedrich, in einem aktuellen SPIEGEL-Interview wird argumentiert, Mittelwerte würden relevante Feinstaubspitzen „glattrechnen“ und dadurch das Problem unterschätzen. Gleichzeitig werden genau solche Mittelwerte genutzt, um den gesamten Winter zu bewerten. Wie belastbar ist diese Argumentation aus Ihrer Sicht? Und wie müsste ein Messansatz aussehen, der die reale Belastung sachlich korrekt abbildet?

Axel Friedrich:

Wir haben es bei Holzheizungen mit dem größten verbleibenden Problem der Luftverschmutzung zu tun. Im Winter sehen wir extrem hohe Belastungen durch ultrafeine Partikel und Ruß, die aus Holzfeuerungen stammen. Zudem wissen wir, dass 80 bis 90 Prozent der polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe, also krebserzeugender Stoffe, im Winter aus Holzheizungen emittiert werden. Insofern sprechen wir hier über ein reales und ernstes Problem.

Die Frage ist jedoch, ob die derzeit angewandten Messmethoden geeignet sind, dieses Problem korrekt abzubilden. PM2,5 und PM10 sind aus meiner Sicht nicht die entscheidenden Parameter, um die gesundheitlich relevanten ultrafeinen Partikel zu erfassen und zu bewerten.

 Frage:

Welche Messgrößen wären aus Ihrer Sicht stattdessen entscheidend?

Axel Friedrich:

Wir müssen dringend Messungen von Ruß, also Black Carbon, und von ultrafeinen Partikeln durchführen. Genau das hat ja inzwischen auch das Europäische Parlament gemeinsam mit Kommission und Rat beschlossen. Diese Stoffe sind sowohl für das Klima als auch für die menschliche Gesundheit besonders relevant.

Das Problem ist allerdings, dass diese Messungen erst ab 2030 verpflichtend kommen sollen. Das ist viel zu spät. Zwar gibt es noch einzelne Rußmessstellen, vor allem in Großstädten. Viele davon sind jedoch abgeschafft worden, als die Europäische Union PM10 als Standard eingeführt hat. Das entsprach dem damaligen Stand der Wissenschaft, war aus heutiger Sicht aber ein Fehler.

Hinzu kommt, dass diese Messstellen fast ausschließlich in Städten liegen. Gemessen werden müsste jedoch vor allem dort, wo die Holzöfen stehen: in kleineren Orten und ländlichen Regionen.

 Frage:

Wenn ich Sie richtig verstehe, plädieren Sie also dafür, Partikel auch nach Anzahl und nicht nur nach Masse zu bewerten?

Axel Friedrich:

Genau. Ultrafeine Partikel und die eng damit korrelierenden Rußpartikel sind die entscheidenden Faktoren für die gesundheitliche Belastung. Diese Partikel können tief in die Lunge eindringen, die Lungenwand durchdringen und unter anderem Herzinfarkte auslösen. Sie können auch über den Riechnerv ins Gehirn gelangen und dort an der Entstehung von Demenzerkrankungen beteiligt sein. Das sind gravierende Risiken, die wir sehr ernst nehmen müssen.

 Frage:

Im SPIEGEL-Interview wird der Eindruck erweckt, Holzöfen seien die Hauptverursacher gefährlicher Luftschadstoffe, verbunden mit der Schlussfolgerung, man müsse Öfen grundsätzlich verbieten. Ist das aus Ihrer Sicht der richtige Weg?

Axel Friedrich:

In den letzten Wochen hatten wir beispielsweise in Berlin sehr hohe PM2,5- und PM10-Konzentrationen. Die Rußwerte waren erhöht, aber nicht extrem hoch. Das zeigt bereits, dass sich relevante Belastungen nicht zuverlässig in den klassischen Messgrößen widerspiegeln.

Ja, Holzöfen sind problematisch. Aber wir haben Lösungen. Wir wissen, wie sich Partikel- und gasförmige Emissionen deutlich reduzieren lassen: durch Partikelabscheider, insbesondere elektrostatische Abscheider, die bis zu 95 Prozent der ultrafeinen Partikel aus dem Abgas entfernen können. Zusätzlich gibt es Katalysatoren, die – ähnlich wie im Auto – gasförmige Schadstoffe abbauen.

 Frage:

Ist der Holzofen damit tatsächlich die Hauptursache für Luftreinhalteprobleme in Wohngebieten oder ist diese Sichtweise zu undifferenziert?

Axel Friedrich:

Die früher sehr hohen Belastungen durch den Verkehr sind inzwischen stark zurückgegangen. Für Pkw, Lkw und Baumaschinen gibt es heute Anforderungen an ultrafeine Partikel, die den Einsatz hochwirksamer Filter erforderlich machen. Diese reduzieren die Emissionen um bis zu 99,99 Prozent. Das frühere Verkehrsproblem existiert in dieser Form nicht mehr.

Was wir noch haben, sind Stickoxide, insbesondere Stickstoffdioxid. Aber auch hier sind moderne Fahrzeuge deutlich sauberer geworden. In Berlin etwa ist der Rußwert an der Frankfurter Allee in den letzten 15 Jahren um den Faktor zehn gesunken. Dort gibt es heute weniger Ruß als in vielen Wohngebieten.

Das zeigt, wo das eigentliche Problem liegt: in Wohngebieten, vor allem in kleineren Orten und Dörfern, häufig in Tallagen oder Bergregionen mit geringem Luftaustausch. Dort konzentrieren sich Holzöfen, und es wird oft ganztägig geheizt. Entsprechend hoch sind die gemessenen Belastungen.

 Frage:

Der Fairness halber muss man aber auch sagen: Die absoluten Belastungen steigen nicht, sondern die relativen Anteile der Holzöfen wachsen, weil andere Emissionsquellen zurückgehen. Ist das korrekt?

Axel Friedrich:

Ja, das ist richtig. Zwar wurden in den letzten Jahren zeitweise etwas mehr Öfen verkauft, die Gesamtzahl der Öfen hat sich jedoch kaum verändert. Einige sehr alte Anlagen sind sogar außer Betrieb gegangen, andere leider nicht.

Wir haben hier weiterhin ein erhebliches Minderungspotenzial. Aus meiner Sicht unterschätzt das Umweltbundesamt die tatsächliche Belastung vor allem in kleineren Orten deutlich. Die Laborwerte, auf die sich viele Bewertungen stützen, liegen oft um den Faktor drei bis zehn unter den Werten, die ich bei flächendeckenden Messungen vor Ort feststelle.

 Frage:

Im SPIEGEL-Artikel ist auch von politischem Wegsehen und Augenwischerei die Rede. Wo kann Politik aus Ihrer Sicht wirksam ansetzen, um die Luft zu verbessern, ohne den Menschen pauschal ihre Öfen wegzunehmen?

Axel Friedrich:

Auf europäischer Ebene ist die Ökodesign-Richtlinie der zentrale Hebel. Dort werden derzeit die Grenzwerte verhandelt, die bislang sehr schwach sind und dringend verschärft werden müssen. Vor allem einige osteuropäische Länder, aber auch Österreich und andere, wehren sich dagegen, weil sie ein vermeintliches Recht auf Öfen ohne Abgasreinigung reklamieren. Das hatten wir bei Autos früher auch. Das ist nicht akzeptabel.

Wir haben die Technik. Wir müssen sie einsetzen. Niemand hat das Recht, andere Menschen gesundheitlich zu schädigen. Holzöfen sind in ihrem heutigen Zustand so emissionsintensiv, dass sie nachweislich gesundheitliche Schäden verursachen. Deshalb müssen die Grenzwerte verschärft werden.

Parallel dazu können Kommunen Programme auflegen, etwa zur Nachrüstung bestehender Anlagen mit Partikelabscheidern. Ich mache das derzeit in einer Berliner Siedlung und kann dort eine nachweisliche Verbesserung der Luftqualität zeigen.

 Frage:

Würden Sie eine gezielte Förderung sauberer Öfen und emissionsmindernder Technik befürworten?

Axel Friedrich:

Ja. Mit Förderungen zur Markteinführung haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Ich habe selbst die Einführung bleifreier Katalysatoren unterstützt, auch über Förderprogramme. Das war eine Erfolgsgeschichte.

Förderung hilft, neue Technologien in den Markt zu bringen, Stückzahlen zu erhöhen und damit die Preise für Partikelabscheider und Katalysatoren deutlich zu senken.

 Frage:

Abschließend zur Debattenkultur: Welche Gefahr sehen Sie in einer stark polarisierten Diskussion, die Probleme zuspitzt, aber Lösungen kaum thematisiert?

Axel Friedrich:

Viele Menschen sind verzweifelt, weil sie durch Emissionen belastet werden. Sie leiden häufiger unter Erkältungen, Husten und anderen gesundheitlichen Problemen. Diese Sorgen sind real, und sie wenden sich deshalb auch an mich.

Umso wichtiger ist es, diese Gesundheitsprobleme politisch ernst zu nehmen und gleichzeitig klar zu sagen: Wir kennen die Probleme, und wir können sie lösen. Die Erfolge bei Pkw und Lkw zeigen, dass technische Lösungen wirken. Genau diesen Weg müssen wir auch bei Holzfeuerungen konsequent gehen.

Portrait von Axel Friedrich

Dr.-Ing. Axel Friedrich hat Technische Chemie an der Technischen Universität Berlin studiert und ist seit 01.07.2008 internationaler Verkehrsberater. Vom 1980 bis 2008 war er am Umweltbundesamt (UBA) beschäftigt, darunter von 1993 bis 1994 als Leiter des Fachgebietes Мeeresschutz, 1994 bis 2008 als Leiter der Abteilung „Verkehr, Lärm”. Diese Abteilung beschäftigt sich mit allen umweltrelevanten Verkehrsthemen, sowie Lärmfragen. Von 1980 bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet „Minderung der Schadstoffemissionen im Verkehr“ im Umweltbundesamt. Er hat viele internationale Organisationen beraten, darunter die Welt Bank, GIZ, ADB und Einrichtungen in vielen Entwicklungsländern, wie in China, Indien, Indonesien, Thailand, Malaysia, Chile oder Mexiko.
Beratung für. Er ist Mitglied in zahlreichen Beiräten und Gremien, 2006 hat er den renommierten Haagen- Smit Award der kalifornischen Luftreinhaltungsbehöde (CARB) verliehen bekommen.

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