Blick auf eine britische Siedlung. In einem Garten ist ein Fahnenmast mit britischer Flagge.

Plastikschornsteine? Das geht noch nicht weit genug

Eine Glosse von Dr. Johannes R. Gerstner

In England werden mittlerweile Kunststoffschornsteine auf Neubauten montiert. Nicht etwa, weil die Häuser über einen Kamin verfügen würden. Nicht, weil dort ein Ofen angeschlossen wäre. Und auch nicht, weil Rauch abgeführt werden müsste. Die Schornsteine sollen lediglich aussehen wie Schornsteine.

Man muss diese Idee würdigen. Sie ist innovativ. Schließlich war ein Schornstein über Jahrhunderte an eine lästige Voraussetzung gebunden: Unter ihm musste ein Feuer brennen. Nun ist es endlich gelungen, Form und Funktion voneinander zu befreien.

Allerdings wirkt die Entwicklung noch nicht ganz zu Ende gedacht. Wenn man schon Kunststoffschornsteine errichtet, um die Erinnerung an traditionelle Baukultur zu bewahren, sollte man konsequent sein. Denkbar wären Kunststofföfen ohne Feuerraum, ausgestattet mit einem Lautsprecher für authentisches Knistern und einem Bildschirm für täuschend echte Flammen. Daneben könnten Kunststoffscheite gelagert werden, vorzugsweise in einem dekorativen Holzlager aus Kunststoff. Die Gemütlichkeit bliebe erhalten, ohne dass die Wirklichkeit störend eingreifen müsste.

Der Vorteil liegt auf der Hand. Niemand müsste sich mehr mit den unangenehmen Fragen beschäftigen, warum Menschen über Jahrhunderte Feuerstätten gebaut haben, weshalb Schornsteine notwendig waren oder welche Rolle sie für Wärmeversorgung, Resilienz und Versorgungssicherheit spielen können. Stattdessen könnte man sich ganz auf das konzentrieren, was offenbar als das Wesentliche angesehen wird: die Optik.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe der englischen Kunststoffschornsteine. Früher zeigte ein Schornstein an, dass in einem Haus geheizt wurde. Heute zeigt er an, dass früher einmal in Häusern geheizt wurde.

Wer darüber lacht, sollte sich allerdings nicht zu sicher fühlen. Politische Moden haben die unangenehme Eigenschaft, Grenzen schneller zu überwinden als gesunder Menschenverstand. Heute sind es Kunststoffschornsteine in England. Morgen vielleicht Kunststoffschornsteine in Deutschland.

Genau deshalb sollte die Politik aufpassen, welche Signale sie aussendet. Wenn man funktionierende Technologien über Jahre hinweg als Auslaufmodell behandelt, während man gleichzeitig ihre Symbole konserviert, darf man sich nicht wundern, wenn am Ende nur noch die Kulisse übrig bleibt. Dann stehen Schornsteine auf den Dächern, weil man Schornsteine schön findet, während die Technik, für die sie gebaut wurden, aus den Köpfen verschwunden ist.

Dabei wäre die Lösung verblüffend einfach. Statt Potemkinsche Dörfer der Wärmeversorgung zu errichten, sollte die Politik endlich den Weg freimachen für moderne Einzelraumfeuerstätten. Für emissionsarme Technologien, die tatsächlich Wärme erzeugen. Für Feuerstätten, die Versorgungssicherheit und Resilienz stärken können. Für Lösungen, die nicht nur so aussehen, als hätten sie einen Zweck, sondern tatsächlich einen besitzen.

Denn wenn die Antwort auf einen Schornstein irgendwann nur noch ein Schornstein aus Kunststoff ist, dann hat man nicht die Zukunft gestaltet. Man hat lediglich eine Erinnerung konserviert. Und Erinnerungen machen bekanntlich nicht warm.

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Rauch steigt während des Sonnenuntergangs aus dem Schornstein des Hauses auf.

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