Wer die Klimawirkung von Holzenergie allein am gefällten Baum berechnet, zieht nach Auffassung des emeritierten Waldökologen Prof. Roland Irslinger die falsche Systemgrenze. In einem Gastbeitrag für die Herbstausgabe des vom Schleswig-Holsteinischen Waldbesitzerverband herausgegebenen WALDBLATTS widerspricht er der These, bei der Nutzung von Energieholz entstehe zwangsläufig eine über Jahrzehnte fortbestehende Kohlenstoffschuld. Entscheidend sei nicht der einzelne Baum oder Bestand, sondern die Entwicklung des Kohlenstoffspeichers in der nachhaltig bewirtschafteten Waldlandschaft.
Das Carbon-Debt-Modell betrachte Entnahme und Nachwachsen zeitlich nacheinander und konzentriere sich dabei auf die jeweilige Erntefläche. In einer bewirtschafteten Waldlandschaft liefen Holznutzung und Wachstum jedoch gleichzeitig ab: Während auf einem kleinen Teil der Fläche Holz entnommen werde, wachse der übrige Wald weiter und binde fortlaufend Kohlendioxid. „Zeit wird durch Raum ersetzt“, bringt Irslinger das Prinzip auf den Punkt.
Als Beleg verweist der frühere Professor für Waldökologie an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg auf die langfristige Entwicklung der deutschen Wälder. Obwohl seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kontinuierlich Holz genutzt worden sei, habe der gesamte Holzvorrat nach seiner Darstellung deutlich zugenommen. Für Irslinger zeigt dies, dass das für einzelne Kahlschlagsflächen entwickelte Bild einer langfristigen Kohlenstoffschuld nicht ohne Weiteres auf nachhaltig bewirtschaftete Wälder in Deutschland übertragen werden kann. Seinen Gastbeitrag überschreibt er bewusst zugespitzt: „Kohlenstoffschuld ist ein Märchen“.
Für die Initiative #ofenzukunft berührt diese Debatte eine Grundfrage der politischen Bewertung von Holzenergie. „Die Klimawirkung einer Holzfeuerung lässt sich nicht seriös beurteilen, indem man ausschließlich auf den einzelnen Verbrennungsvorgang blickt. Herkunft und Art des eingesetzten Holzes, die Entwicklung der Waldvorräte und die Frage, welcher Energieträger ersetzt wird, gehören gemeinsam in die Rechnung“, erklärt Robert Mülleneisen, Sprecher der Initiative #ofenzukunft.
Gerade die Substitutionswirkung darf nach Auffassung der Initiative nicht ausgeblendet werden. Soweit Holz aus nachhaltig bewirtschafteten Beständen stammt und fossile Brennstoffe in der Wärmeversorgung ersetzt, werden fossile CO2-Emissionen vermieden. Wie groß dieser Effekt im konkreten Fall ist, hängt unter anderem vom eingesetzten Holzsortiment, der Bereitstellung des Brennstoffs, der Effizienz der Feuerungsanlage und dem ersetzten Energieträger ab. Eine pauschale Bewertung ohne diese Zusammenhänge greift deshalb in beide Richtungen zu kurz.
Die Initiative #ofenzukunft plädiert für eine faktenbasierte Betrachtung der gesamten Wirkungskette. Waldentwicklung, nachhaltige Holznutzung, Anlagentechnik und die Verdrängung fossiler Energie müssen zusammen bewertet werden. Irslingers Beitrag liefert dafür einen klaren Impuls: Der einzelne Baum ist nicht der Wald – und deshalb auch nicht die richtige Bilanzgrenze für die deutsche Wald- und Energiewirtschaft.
Quelle: Prof. Roland Irslinger, „Kohlenstoffschuld ist ein Märchen“, WALDBLATT, Ausgabe 19/2026.