Warum Holz in einer neuen CESifo-Studie gleich zweimal unsichtbar bleibt
Eine neue CESifo-Studie untersucht, wie Haushalte auf Energiepreisschocks reagieren. Beim Energieträger Holz weist das Forschungsdesign jedoch eine Lücke auf: Primäre Holzheizungen werden nicht gesondert ausgewertet, zusätzliche Feuerstätten offenbar nicht erfasst. Damit bleibt eine mögliche Anpassungs- und Resilienzoption wissenschaftlich ununtersucht.
Holz ist zweimal unsichtbar
Das Working Paper erscheint unter dem Dach von CESifo, einem internationalen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsnetzwerk mit Sitz in München. Die CESifo GmbH gehört zu gleichen Teilen dem ifo Institut und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ihre Working-Paper-Reihe dient dabei der Veröffentlichung aktueller ökonomischer Forschung aus dem Netzwerk.
Das im Juli 2026 veröffentlichte Papier „The Political Consequences of Energy Price Shocks: Evidence from Germany“ untersucht anhand von vier Befragungswellen, wie sich tatsächlich erfahrene Erhöhungen der monatlichen Stromabschläge auf politische Einstellungen auswirken. Bei überdurchschnittlich starken Erhöhungen steigt die Wahrscheinlichkeit einer Unterstützung der AfD nach der vorgelegten Schätzung um 7,5 Prozentpunkte.
Für #ofenzukunft ist vor allem relevant, wie die Studie die Reaktionsmöglichkeiten der Haushalte erfasst. Im Fragebogen wird ausdrücklich gefragt: „Welcher Energieträger ist die primäre Quelle Ihrer Wärme?“ Als Antworten stehen Kohle, Öl, Holz, Gas und andere zur Auswahl. In der veröffentlichten Analyse erscheint von dieser differenzierten Abfrage jedoch nur eine einfache binäre Variable: „Gas ja oder nein“. Auch in den deskriptiven Tabellen wird lediglich ausgewiesen, ob Gas die primäre Wärmequelle ist. Angaben zu Haushalten, die Holz als primäre Wärmequelle nennen, liegen damit offenbar vor. Diese Gruppe wird jedoch nicht eigenständig ausgewertet. Ihre Größe, ihre Kostenentwicklung und ihre Reaktionen auf die Energiekrise bleiben offen.
Noch weiter reicht die zweite Auslassung. Gefragt wird ausschließlich nach der primären Wärmequelle. Ob ein Haushalt neben seiner Zentralheizung über einen Kaminofen, Kachelofen, Heizkamin oder eine andere Einzelraumfeuerstätte verfügt, ist im veröffentlichten Fragen- und Variablenanhang nicht erkennbar. Holz bleibt damit auf zwei Ebenen unsichtbar: als primäre Wärmequelle in der Auswertung und als zusätzliche Wärmequelle bereits in der Datengrundlage.
Warum die Auslassung methodisch relevant ist
Ein Haushalt, der ausschließlich mit Gas heizen kann, unterscheidet sich von einem Haushalt, der Gas als primäre Wärmequelle nutzt, bei Bedarf aber einen Teil seines Wärmebedarfs mit Scheitholz decken kann. In der Studie erscheinen beide als Gas-Haushalte. Ihre tatsächliche Abhängigkeit vom primären Heizsystem und ihre Möglichkeiten, auf Preis- oder Versorgungsschocks zu reagieren, können jedoch erheblich voneinander abweichen.
Aus der fehlenden Unterscheidung folgt nicht, dass Holz Energiepreisschocks zwangsläufig abfedert. Auch Scheitholz wurde während der Energiekrise teurer. Zudem hängen die Einsatzmöglichkeiten einer Feuerstätte vom Gebäude, von ihrer Leistung, von der Verfügbarkeit des Brennstoffs und von der tatsächlichen Nutzung ab. Ob und unter welchen Bedingungen ein Ofen zur Entlastung beiträgt, wäre deshalb eine empirische Frage. Das vorliegende Forschungsdesign kann sie nicht beantworten.
Zwar liegt der kausale Schwerpunkt des Working Papers auf steigenden Stromabschlägen und nicht auf Heizkosten. Die Untersuchung behandelt Energiepreisschocks jedoch breiter. Sie erhebt auch Heizkostenabschläge, fragt nach Erwartungen zur Heizkostenentwicklung und berücksichtigt Anpassungen wie Temperaturabsenkung, Wärmedämmung oder Investitionen in ein effizienteres Heizsystem. Zudem weist die Studie selbst darauf hin, dass Haushalte mit vergleichbarem Einkommen aufgrund unterschiedlicher Gebäude, Verbräuche, Verträge und Anpassungsmöglichkeiten unterschiedlich stark betroffen sein können.
Eine zusätzliche Wärmequelle ist vor diesem Hintergrund keine beliebige technische Einzelheit. Sie kann beeinflussen, wie abhängig ein Haushalt von seinem primären Energieträger ist und welche Ausweichmöglichkeiten ihm zur Verfügung stehen. Auch nicht leitungsgebundene Brennstoffe sind in der Untersuchung grundsätzlich präsent. Das Working Paper erwähnt den staatlichen Ausgleich für extreme Kostensteigerungen bei Heizöl und Pellets. Eine gesonderte Untersuchung der damit heizenden Haushalte erfolgt jedoch nicht. Scheitholz und Einzelraumfeuerstätten werden als Anpassungs- oder Resilienzoption nicht betrachtet.
Eine Lücke, die sich schließen lässt
Der erste Teil der Forschungslücke ließe sich möglicherweise mit den vorhandenen Daten bearbeiten. Da Holz als primäre Wärmequelle abgefragt wurde, könnte zunächst ausgewiesen werden, wie viele Befragte diese Antwort gewählt haben. Soweit die Fallzahlen ausreichen, ließen sich ihre Kostenentwicklung, ihr Energieverhalten und ihre Reaktionen gesondert untersuchen. Sollten die Fallzahlen dafür zu klein sein, wäre auch dies ein wichtiger Hinweis für künftige Erhebungen.
Für zusätzliche Wärmequellen wären neue Daten erforderlich. Künftige Befragungen sollten nicht nur nach dem primären Energieträger fragen, sondern auch nach weiteren vorhandenen Wärmeerzeugern, ihrer tatsächlichen Nutzung, ihrem Anteil an der Wärmedeckung und ihrer kurzfristigen Einsatzfähigkeit. Erst dann lässt sich untersuchen, ob eine zusätzliche dezentrale Wärmequelle die wirtschaftliche Belastbarkeit und die Reaktionsfähigkeit eines Haushalts verändert.
Das Ergebnis einer solchen Untersuchung ist offen. Entscheidend ist, die Frage überhaupt messbar zu machen. Bis dahin ist der mögliche Beitrag von Holz zur Bewältigung von Energiepreisschocks weder bestätigt noch widerlegt – er bleibt unerforscht.
Redaktioneller Quellenhinweis: Grundlage ist „The Political Consequences of Energy Price Shocks: Evidence from Germany“, CESifo Working Paper No. 12887, Juli 2026, insbesondere S. 1–15, 19–40 und 47–50. Die Einordnung zu Einzelraumfeuerstätten stammt von #ofenzukunft und wird im Working Paper selbst nicht vorgenommen.