Symbolbild zum CO₂-Ablasshandel: Ein Bagger schüttet Erde auf gehäckseltes Holz in einer mit schwarzer Kunststofffolie ausgekleideten Grube. Im Hintergrund erstreckt sich eine trockene afrikanische Savannenlandschaft mit einer Industrieanlage und rauchenden Schornsteinen.

Tetzel lässt grüßen: Der moderne CO₂-Ablasshandel

In Namibia wird Holz unter Plastik vergraben, damit Unternehmen in Europa ihre Emissionen kompensieren können. Welche Blüten der Klimaschutz inzwischen treibt, zeigt eine Geschichte wie aus einem Roman von Friedrich Dürrenmatt.

Ein Kommentar von Dr. Johannes R. Gerstner, Advisor der #ofenzukunft

Es klingt wie eine Geschichte aus der Feder Friedrich Dürrenmatts. Der Schweizer Schriftsteller verstand es meisterhaft, gesellschaftliche Widersprüche ins Groteske und Absurde zu steigern. Doch diesmal liefert die Wirklichkeit die Handlung: In Namibia wird Buschholz gehäckselt, in riesige Gruben geschüttet und mit Kunststoffplanen abgedeckt, damit es nicht verrottet. Anschließend wird Erde darübergeschüttet. Das deutsche Start-up Carbonsate macht daraus ein Geschäftsmodell: Für den dauerhaft eingelagerten Kohlenstoff werden CO₂-Zertifikate verkauft, mit denen Unternehmen in Europa ihre Emissionen rechnerisch ausgleichen können. Quelle: Carbonsate

Man muss sich diese Absurdität einmal vor Augen führen: In Afrika wird Holz unter Plastik begraben, damit es auf keinen Fall seinen natürlichen Weg nimmt oder anderweitig genutzt werden kann. In Europa können Unternehmen dafür CO₂-Gutschriften kaufen, während sie weiterhin fossile Energieträger verbrennen. Ein rechtlicher Freibrief sind diese Zertifikate zwar nicht. Als freiwilliger bilanzieller Ausgleich erinnern sie aber an ein jahrhundertealtes Geschäftsmodell: den Ablasshandel. Was einst Johann Tetzel mit dem Erlass von Sündenstrafen versprach, findet heute eine bemerkenswerte Parallele in käuflichen CO₂-Freibriefen.

Und während solche Geschäftsmodelle entstehen, diskutieren wir in Deutschland allen Ernstes darüber, ob das Heizen mit Holz überhaupt CO₂-neutral sein kann. Der Vorwurf lautet immer wieder, wir würden mit der energetischen Nutzung einen wertvollen Rohstoff verschwenden. Dabei steht uns mit Holz ein nachwachsender Energieträger zur Verfügung, der fossile Brennstoffe ersetzen kann. Gerade geringwertige Holzsortimente und Restholz, die sich nicht sinnvoll hochwertig stofflich verwerten lassen, sind hierfür in erheblichen Mengen vorhanden.

Darauf weisen Fachleute seit Jahren hin. Martin Schwarz vom Landesbetrieb Wald und Holz Nordrhein-Westfalen hat bei den ThemenTagen OfenBau 2025 die Bedeutung der Holzenergie für Waldpflege, Waldumbau und dezentrale Wärmeversorgung unterstrichen. Christoph Pfemeter vom Österreichischen Biomasse-Verband brachte die seit Jahrzehnten geführte Knappheitsdebatte im Interview mit #ofenzukunft auf den Punkt: „Das Holz ist uns in der Debatte schon vor 30 Jahren ausgegangen.“

Natürlich müssen wir über Kohlenstoffkreisläufe, nachhaltige Forstwirtschaft und die Klimabilanz von Holzenergie sprechen. Nicht jede Holzverbrennung ist automatisch klimaneutral. Aber bei aller berechtigten Differenzierung sollte uns die Rationalität nicht abhandenkommen: Holz kann fossile Energieträger ersetzen und Menschen zuverlässig mit Wärme versorgen. Wer hingegen Holz unter Plastik vergräbt, um anderswo weiterhin fossile Emissionen bilanziell auszugleichen, liefert zumindest eine bemerkenswerte Vorlage für absurdes Theater.

 

Fotovermerk: Das Beitragsbild wurde mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) bearbeitet.

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