Christoph Pfemeter über die Bedeutung der Holzenergie in Österreich, den Klimawandel im Wald und die Zukunft des Holzofens
Während in Deutschland über die Zukunft der Holzenergie kontrovers diskutiert wird, ist Biomasse in Österreich seit Jahrzehnten ein selbstverständlicher Bestandteil der Energieversorgung. Welche Rolle dabei die heimische Forst- und Holzwirtschaft spielt, warum der Klimawandel die Bewirtschaftung der Wälder grundlegend verändert und weshalb der klassische Holzofen auch künftig seinen Platz haben wird, erläutert Dipl.-Ing. Christoph Pfemeter, Geschäftsführer des Österreichischen Biomasse-Verbandes, im Interview mit #ofenzukunft.
Herr Pfemeter, wenn man von Deutschland nach Österreich schaut, gewinnt man den Eindruck, dass Holzenergie dort einen ganz anderen Stellenwert hat. Welche Rolle spielt sie heute für die österreichische Gesellschaft, die Wirtschaft und die Wärmeversorgung? Ist sie ein selbstverständlicher Bestandteil des Energiesystems oder eher ein ungeliebtes Kind?
Ich würde sagen, sie ist seit mindestens 25 Jahren ein integraler Bestandteil unserer Energieversorgung. Nach der Entscheidung gegen die Atomkraft gab es in Österreich einen breiten Konsens darüber, dass wir Alternativen brauchen. Auf dieser Grundlage wurden die Nahwärme und die heimische Kesselindustrie kontinuierlich weiterentwickelt und gefördert. Mittlerweile hat die Bioenergie in Österreich das Erdgas überholt, in besonders waldreichen Regionen wie Kärnten sogar das Erdöl. Dort ist sie inzwischen der bedeutendste Energieträger, wohlgemerkt unter Berücksichtigung der Energiemengen, die im Wärme-, Industrie-, Strom- und Mobilitätsbereich eingesetzt werden. Das hat natürlich seine Gründe: Die Waldbewirtschaftung ist ein zentraler Teil unserer Volkswirtschaft. Sägewerke, Holzverarbeitung sowie die Platten- und Papierindustrie sind seit jeher wichtig für den Wirtschaftsstandort. Österreich ist ein bedeutender Akteur in der Holzverarbeitung. Entsprechend fallen sowohl im Wald als auch in der Industrie große Mengen an Reststoffen an. Das ermöglicht uns, trotz des hohen heimischen Holzenergieanteils sogar noch Bioenergie zu exportieren, beispielsweise Pellets nach Italien. Die energetische Nutzung war bei uns immer ein integrierter Bestandteil der gesamten Wertschöpfungskette Holz.
Welche Bedeutung hat das konkret für die Wärmeversorgung?
Holzenergie spielt in den privaten Haushalten eine große Rolle, hinzu kommen die zahlreichen Nahwärmeanlagen. Mittlerweile wird mehr als die Hälfte der gesamten Fernwärme in Österreich mit Bioenergie und biogenen Reststoffen erzeugt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu Deutschland. Wenn wir uns anschauen, wie ein vollständig erneuerbares Energiesystem künftig aussehen könnte, sind wir diesem Ziel in Österreich in vielen Bereichen bereits deutlich näher als manche Regionen in Deutschland.
In Deutschland wird intensiv darüber diskutiert, ob überhaupt genügend Holz für die energetische Nutzung zur Verfügung steht. Hinzu kommt die Forderung, Holz möglichst lange stofflich zu nutzen, um Kohlenstoff zu speichern. Kennen Sie diese Diskussionen auch aus Österreich?
Natürlich. Diese Debatte begleitet die Entwicklung der Bioenergie seit Jahrzehnten. Das Holz ist uns in der Diskussion schon vor 30 Jahren ausgegangen. Tatsächlich haben wir aber immer noch Holz und einen riesigen Holzvorrat im österreichischen Wald stehen. Interessanterweise wird gerade dieser Vorrat mittlerweile zunehmend zum Problem.
Das klingt zunächst widersprüchlich. Warum sollte ein großer Holzvorrat ein Problem sein?
Weil wir einen extremen Klimawandel erleben. Trockenheit und Hitze setzen unseren Wäldern massiv zu. Ein erheblicher Teil der Holzvorräte steckt in Baumarten, die mit diesen veränderten Bedingungen bereits jetzt massive Schwierigkeiten haben. Viele dieser Bäume werden kaum bis zum regulären Erntezeitpunkt überleben. Wir sehen Borkenkäferkatastrophen, Trockenheitsprobleme bei der Buche und heuer auch bei tiefwurzelnden Baumarten, das Eschentriebsterben und zahlreiche weitere Probleme. Deshalb ist die Vorstellung illusorisch, dass wir unsere Holzvorräte immer weiter aufbauen können. Tatsächlich entwickelt sich die Situation eher in die entgegengesetzte Richtung. Dadurch werden zusätzlich zur regulären Holzernte weitere Mengen auf den Markt kommen. Aus meiner Sicht läuft die Debatte deshalb in die falsche Richtung. Wir müssten uns vielmehr fragen, wie wir das Holz, das jetzt im Wald steht, möglichst sinnvoll und wertschöpfend nutzen können.
Wie bewerten Sie die Veränderungen, die wir derzeit in unseren Wäldern erleben?
Dem Wald sind gesetzliche Vorgaben relativ egal, wenn es um das Klima geht. Ich bin selbst Förster, und man kann eigentlich nur ehrfürchtig vor der Natur stehen, wenn man die heutige Situation mit der vor 20 Jahren vergleicht. Es ist schneller und stärker wärmer geworden, als wir gedacht haben. Der Wald hatte normalerweise Jahrtausende Zeit, sich an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen. Jetzt bleiben ihm dafür nur Jahrzehnte. Während der natürlichen Lebensspanne eines Baumes, die bei uns 150 oder 200 Jahre alt werden kann, verändert sich das Klima möglicherweise drei- oder viermal fundamental. Das wird massive Spuren hinterlassen. Entweder wir greifen durch entsprechende Bewirtschaftung und gezielten Waldumbau ein, oder wir überlassen die Entwicklung dem Zufall. Die Natur arbeitet erfahrungsgemäß sehr radikal und sehr schnell.
In Deutschland wird immer wieder argumentiert, dass sich die Biodiversität besonders gut entwickelt, wenn wir Wälder möglichst wenig bewirtschaften und auch abgestorbenes Holz im Wald belassen. Ist ein unbewirtschafteter Wald tatsächlich resilienter?
Man muss zunächst die zeitlichen Dimensionen betrachten. Die Bäume, die wir in 100 Jahren ernten wollen, sind teilweise bereits gepflanzt und stehen heute im Wald. So muss man auch den Waldumbau verstehen. Ein Borkenkäfer braucht aber keine 100 Jahre, um einen Wald zu vernichten, und ein Waldbrand ebenso wenig. Das geht oftmals sehr schnell. Deshalb brauchen wir eine aufmerksame Forstwirtschaft mit gut ausgebildetem Personal, die den Forstschutz ernst nimmt und die Entwicklungen kontinuierlich beobachtet. Auch Biodiversität ist ein sehr weit gefasster Begriff. In Österreich erleben wir beispielsweise, dass zahlreiche neue Arten einwandern, die wiederum Probleme verursachen können. Es geht also auch darum, bestehende Arten zu schützen. Gleichzeitig verändert sich mit dem Klima zwangsläufig die Artenzusammensetzung. Wir befinden uns mit der Waldbewirtschaftung mitten in diesem Veränderungsprozess. Besonders problematisch sind Totalausfälle von Waldbeständen durch Windwurf, Borkenkäfer oder Waldbrände. Wenn ein ganzer Bestand ausfällt, fängt man praktisch wieder bei null an.
Ein weiterer Streitpunkt in Deutschland ist die Klimawirkung der Holzenergie. Teilweise wird sogar grundsätzlich infrage gestellt, ob die energetische Nutzung von Holz noch als CO₂-neutral betrachtet werden kann. Wie wird diese Diskussion in Österreich geführt?
Das ist eine schwierige Diskussion, weil man bei der Betrachtung der Klimawirkung mit sehr unterschiedlichen Berechnungen und Annahmen arbeiten kann. Fundamental ist zunächst die Photosynthese: Die Biomasse, die wir nutzen, ist zuvor gewachsen und hat dabei CO₂ aus der Atmosphäre aufgenommen. Wird sie nicht genutzt, sondern verrottet, gelangt der darin gebundene Kohlenstoff ebenfalls wieder in die Atmosphäre. Natürlich gibt es unterschiedliche Ansätze, wie man diese Prozesse bilanziert und welche Zeiträume man betrachtet. Hinzu kommt die Frage, wie sich die Kohlenstoffspeicherung im Wald entwickelt. Es gibt Szenarien, nach denen eine geringere Holznutzung zusätzliche Kohlenstoffvorräte schaffen soll. Unter den heutigen klimatischen Bedingungen funktioniert das aber nicht unbedingt so, wie man es sich vorstellt. Wir haben teilweise sehr alte Wälder und sehen gleichzeitig die Auswirkungen des Klimawandels. Die Bäume wachsen eben nicht in den Himmel, schon gar nicht unter diesen Bedingungen. Ob man von CO₂-Neutralität, Klimaneutralität oder positiven beziehungsweise negativen Klimawirkungen spricht, hängt deshalb stark von den jeweiligen Berechnungen ab. Ich halte es jedenfalls für sinnvoller, geeignete Biomasse energetisch zu nutzen, als sie einfach verrotten zu lassen – selbstverständlich unter der Voraussetzung, dass dadurch die Biodiversität nicht beeinträchtigt wird.
Nun wird häufig argumentiert, dass Holz aus Klimaschutzgründen möglichst lange stofflich genutzt werden sollte. Welche Bedeutung hat für Sie diese stoffliche Nutzung?
Die stoffliche Nutzung ist ausgesprochen wichtig. Vor allem der Holzbau ist der Motor für die gesamte Wertschöpfungskette Holz. Der Förster geht in den Wald, weil er Blochholz verkaufen möchte. Das ist sein Hauptprodukt, daneben fallen Industrie- und Energieholz an. Wenn Sie einen Rundholzstamm ins Sägewerk schicken, entstehen daraus ungefähr 50 Prozent Sägenebenprodukte. In der Papierindustrie fällt bei der Verarbeitung von Industrieholz wiederum Schwarzlauge an, die energetisch genutzt wird. Über die gesamte Wertschöpfungskette gelangt damit ein sehr großer Teil des genutzten Holzes früher oder später in die energetische Verwertung – meistens sogar schneller, als man glaubt. Deshalb darf man die stoffliche und die energetische Nutzung nicht grundsätzlich gegeneinander ausspielen. Sie sind Bestandteile derselben Wertschöpfungskette. Es gibt stoffliche Nutzungen, die sehr energieintensiv sind und eine sehr schlechte Klimabilanz aufweisen. Es gibt aber auch energetische Nutzungen, die sehr ineffizient sind.
Wir haben uns zuletzt in Brüssel getroffen. Dort wurde gerade wieder intensiv über die sogenannte Kaskadennutzung diskutiert. Die Europäische Union möchte stärker vorgeben, in welcher Reihenfolge Holz genutzt werden soll. Ist eine solche staatliche Vorgabe überhaupt sinnvoll? Oder regelt sich das nicht bereits durch Angebot, Nachfrage und die wirtschaftliche Wertigkeit des Holzes?
Ein Kaskadenzwang ist aus meiner Sicht nicht administrierbar. Entscheidend sollte sein, dass wir das Holz dort einsetzen, wo es die größte Wertschöpfung erzielen kann. Dabei muss man zwischen stofflicher und energetischer Nutzung unterscheiden und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen berücksichtigen. Österreich hat beispielsweise eine sehr starke Holzindustrie, die ungefähr doppelt so viel Rundholz verarbeitet, wie im eigenen Land produziert wird. Wir importieren deshalb erhebliche Mengen aus unseren Nachbarstaaten und sind mit unseren Holzprodukten international stark vertreten. Das gilt für Schnittholz ebenso wie für Papier und andere Produkte. Diese Wertschöpfungsketten sind komplex und international verflochten. Wenn man versucht, ihre Abläufe durch eine starre gesetzliche Kaskade festzulegen, wird man der wirtschaftlichen Realität kaum gerecht. Eine vorgeschriebene Kaskadennutzung wäre aus unserer Sicht deshalb ein aufgelegter Bauchfleck, der zu höheren Energiekosten für die Bevölkerung und höheren Rohstoffkosten für die Industrie führt.
Kommen wir von der großen Energie- und Holzwirtschaft zu einem Bereich, der für unsere Leser besonders interessant ist: dem klassischen Holzofen. In Deutschland wird der Kamin- oder Kachelofen häufig vor allem als Zusatzheizung oder sogar als Lifestyleprodukt betrachtet. Welche Zukunft sehen Sie für die Einzelraumfeuerstätte?
In Österreich stellt sich diese Frage für mich eigentlich nicht. Den Menschen das Feuer wegzunehmen, das hat bis jetzt noch keiner geschafft. Wir wissen, welchen Wert ein Ofen hat, wenn beispielsweise der Strom ausfällt, Erdgaslieferungen unterbrochen werden oder Engpässe bei der Versorgung mit Heizöl auftreten. In solchen Situationen kann ein Holzofen weiterhin Wärme bereitstellen. Für mich war der Ofen deshalb immer ein fundamentaler Bestandteil der Energieversorgung, und das wird er auch in Zukunft bleiben. Wenn Sie so wollen: Der Holzofen ist das einzige bombensichere Heizgerät.
Aber ist der Holzofen tatsächlich für jede Wohnsituation geeignet? Gerade in Ballungsräumen wird die Diskussion über Luftschadstoffe und Feinstaub ja besonders intensiv geführt.
Natürlich muss man differenzieren. Nicht jede Wohnung in einem Ballungsraum muss mit einem Holzofen beheizt werden. Ich sehe aber eine andere Gefahr: Wenn der Ofen politisch zunehmend verteufelt wird, besteht das Risiko, dass wir verstärkt in billige Ofensegmente mit entsprechend schlechter Technik geraten. Das kann doch nicht unser Ziel sein.
Welche technischen Entwicklungsmöglichkeiten sehen Sie denn noch beim Holzofen?
Da gibt es durchaus noch Potenzial. Man kann sich beispielsweise überlegen, wie sich Öfen effizienter gestalten lassen oder wie eine zusätzliche beziehungsweise gesteuerte Luftzufuhr dazu beitragen könnte, die Emissionen weiter zu reduzieren. Technisch sind noch viele Möglichkeiten offen. Der Ofen ist keineswegs ein Produkt, dessen Entwicklung abgeschlossen wäre.
Neben der technischen Funktion hat der Ofen natürlich auch eine emotionale Bedeutung. Das unterscheidet ihn vielleicht von einem Heizkessel im Keller. Welche Rolle spielt dieser Aspekt aus Ihrer Sicht?
Jeder, der im Winter einmal vor einem Ofen gesessen hat, kennt die positive emotionale Wirkung des Feuers. Ein Ofen vermittelt nicht nur Behaglichkeit, sondern auch Sicherheit. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, den man nicht unterschätzen darf: Der Holzofen ermöglicht der Bevölkerung einen direkten Zugang zu einem regional verfügbaren Brennstoff und umgekehrt dem Landwirt oder Waldbauern den unmittelbaren Zugang zum Endkundenmarkt. Der Waldbauer braucht im Grunde nur eine Hacke und eine Säge, um ein Produkt herzustellen, das er direkt an den Verbraucher verkaufen kann. Diese regionale Verbindung zwischen Erzeugern und Verbrauchern ist etwas sehr Wertvolles. Darauf sollten wir uns künftig noch stärker konzentrieren.
Das Interview führte Dr. Johannes R. Gerstner für die Initiative #ofenzukunft am 8. Oktober 2026.
Kurzvita von Dipl. Ing. Christoph Pfemeter:
Seit 2011
Österreichischer Biomasse-Verband, Geschäftsführung des Verbandes und Chefredakteur der Zeitung „Die Ökoenergie –
Zeit(ung) zur Energiewende“
Seit 2026 Jury-Mitglied des Staatspreises Bioenergie
Seit 2024 Beratendes Mitglied des Land- und Forstwirtschaftlichen Bundes-Berufsausbildungsbeirates
Seit 2024 Vorsitzender des Aufsichtsrates der ABL eGen
Seit 2022 Präsident des Europäischen Biomasse-Verbandes (Bioenergy Europe), 2018 bis 2022
Vizepräsident, 2014 bis 2022 Vorstandsmitglied
Seit 2018 Vorstandsmitglied im Dachverband der Erneuerbaren Energien Österreich (EEÖ)
2016 bis 2018 Vorstandsmitglied Weltbiomasseverband, seit 2018 im „Steering Committee“
Seit 2013 BML-Nominierter zum “Team of Specialists des ECE Committee on Forests and the Forest
Industry and FAO European Forestry”, CO-Chair
Seit 2013 Vorstandsmitglied im Umweltdachverband (UWD)
2012 Jury-Mitglied des Klimaschutzpreises der Österreichischen Bundesregierung