Ein Kommentar von Dr. Johannes R. Gerstner, Advisor der #ofenzukunft
Warum muss es eigentlich immer von einem Extrem ins andere gehen? Jahrelang wurde über eine Nationale Biomassestrategie diskutiert, deren bisherige Ausrichtung die energetische Nutzung von Holz aus meiner Sicht zu sehr an den Rand drängte. Nun erklärt die Bundesregierung, eine weitere Ausarbeitung sei derzeit nicht geplant. Die Kritik am bisherigen Ansatz war berechtigt. Daraus folgt aber nicht, dass Deutschland keine Biomassestrategie braucht. Wir brauchen eine bessere – eine, die unterschiedliche Nutzungen sinnvoll zusammenführt und die Menschen berücksichtigt, die unsere Wälder bewirtschaften.
Der Fehler der früheren Überlegungen lag nicht darin, die stoffliche Nutzung von Holz stärken zu wollen. Hochwertiges Holz gehört nach Möglichkeit in langlebige Produkte. Wer daraus Häuser, Möbel oder andere sinnvoll nutzbare Erzeugnisse herstellt, schafft Wert und hält Kohlenstoff gebunden. Problematisch wird es dort, wo aus diesem vernünftigen Grundsatz eine pauschale Rangordnung entsteht. Schon die Eckpunkte von 2022 formulierten den Vorrang der stofflichen Nutzung ausgesprochen weitgehend. Eine solche Vorgabe droht zu übersehen, dass Holz in sehr unterschiedlichen Qualitäten anfällt und eine theoretische Verwertungsmöglichkeit noch lange keinen praktisch sinnvollen Absatzweg ergibt.
Ein Stamm, aus dem sich ein hochwertiger Baustoff gewinnen lässt, ist anders zu beurteilen als ein geringwertiges Sortiment aus der Waldpflege. Auch lässt sich nicht jedes Stück Holz mit vertretbarem Aufwand einer industriellen Verarbeitung zuführen. Entscheidend müssen die tatsächliche Qualität, verfügbare Verarbeitungsmöglichkeiten, Transportwege und der Nutzen der jeweiligen Verwendung sein. Das Kaskadenprinzip kann dabei eine wichtige Orientierung geben. Als starres Schema, das die energetische Nutzung grundsätzlich unter Rechtfertigungsdruck stellt, wird es der Wirklichkeit jedoch nicht gerecht. Deshalb war die Kritik an dieser Schlagseite notwendig.
Zu dieser Wirklichkeit gehört auch die Struktur des Waldbesitzes. Eine Biomassestrategie darf nicht ausschließlich aus der Perspektive großer Unternehmen und industrieller Stoffströme geschrieben werden. Wer einen kleinen Wald bewirtschaftet, verfügt nicht automatisch über die Mengen, die Logistik und die Vertragsmöglichkeiten eines großen Forstbetriebs. Für solche Eigentümer können regionale Absatzwege und die eigene Brennholznutzung eine erhebliche Bedeutung haben. Politik sollte diese Möglichkeiten berücksichtigen, statt vorauszusetzen, dass sich jede Waldparzelle reibungslos in eine großindustrielle Lieferkette einfügen lässt. Zusammenschlüsse und gemeinsame Vermarktung können helfen. Sie ersetzen aber nicht die Vielfalt der Eigentums- und Bewirtschaftungsformen.
Ebenso gehört die Versorgungssicherheit in eine vernünftige Strategie. Wo nachhaltig verfügbares, für eine stoffliche Verarbeitung wenig geeignetes Holz regional und effizient zur Wärmeerzeugung eingesetzt werden kann, verdient das eine sachliche Bewertung. Solche Nutzung kann fossile Brennstoffe ersetzen, Wertschöpfung vor Ort halten und die Abhängigkeit von Energieimporten verringern. Gerade eine dezentrale Wärmeversorgung hat einen eigenen Wert. Dieser Beitrag lässt sich nicht allein daran messen, ob derselbe Rohstoff irgendwo unter anderen Bedingungen auch industriell verarbeitet werden könnte.
Damit ist allerdings kein Freibrief für beliebige Holzentnahmen verbunden. Auch geringwertiges Holz ist nicht automatisch ökologisch entbehrlich. Totholz, Nährstoffhaushalt, Bodenschutz und die Entwicklung der Wälder müssen berücksichtigt werden. Ebenso gehören effiziente Feuerstätten, niedrige Emissionen und ein sachgerechter Betrieb zur energetischen Nutzung. Eine glaubwürdige Strategie muss diese Anforderungen mitdenken. Wer für Holzenergie eintritt, sollte ein Interesse daran haben, dass ihre Grundlagen langfristig erhalten bleiben.
Gerade deshalb ist der jetzige Verzicht auf die weitere Strategiearbeit die falsche Antwort. Wenn verschiedene politische Vorhaben die Nachfrage nach biogenen Rohstoffen beeinflussen, brauchen wir einen nachvollziehbaren Überblick über Mengen, Qualitäten und Nutzungsmöglichkeiten. Sonst stehen einzelne Gesetze und Förderprogramme nebeneinander, ohne dass ihr Zusammenspiel ausreichend geklärt ist. Für Waldbesitzer, Handwerk, Verbraucher und Industrie wird Planung dadurch schwieriger. Ein gemeinsamer Rahmen könnte helfen, Zielkonflikte früh zu erkennen und Investitionen auf eine belastbare Grundlage zu stellen.
Die Bundesregierung sollte die berechtigte Kritik deshalb zum Anlass für einen neuen Anlauf nehmen. An einen Tisch gehören die stofflichen Verarbeiter ebenso wie die Holzenergiebranche, große Forstbetriebe ebenso wie kleine Waldbesitzer, Wissenschaft und Naturschutz ebenso wie die Menschen, die ihre Häuser mit Holz beheizen. Das Ziel muss sein, hochwertige Sortimente sinnvoll stofflich zu nutzen und geeigneten geringerwertigen Sortimenten einen verlässlichen Platz in der Energieversorgung zu geben. Eine Biomassestrategie muss Unterschiede erkennen und daraus praktikable Regeln entwickeln. Zwischen Übersteuerung und Orientierungslosigkeit liegt genügend Raum für vernünftige Politik.