Portrait von Dr. Johannes R. Gerstner

RED IV: „Holz darf nicht zum statistischen Problem erklärt werden“

Ein Gespräch mit Dr. Johannes R. Gerstner, MBA, Experte für Energiepolitik und Berater der Initiative #ofenzukunft, über ein durchgesickertes EU-Arbeitspapier und die Frage, was jetzt politisch zu tun ist

In Brüssel wird derzeit der europäische Rahmen für erneuerbare Energien nach 2030 vorbereitet. Nun ist ein interner Entwurf der Folgenabschätzung zur sogenannten RED IV bekannt geworden. Darin prüft die Europäische Kommission unter anderem, den anrechenbaren Beitrag fester Biomasse in privaten Haushalten auf dem Niveau von 2024 zu begrenzen. Das klingt zunächst nach einem weitreichenden Eingriff, ist aber noch kein Gesetz und schon gar kein Holzofenverbot. Dr. Johannes R. Gerstner, Experte für Energiepolitik und Berater der Initiative #ofenzukunft, erklärt, was hinter dem Vorschlag steckt, wo er Probleme sieht und welche Linie die Branche jetzt gegenüber Brüssel vertreten sollte.

Herr Dr. Gerstner, was ist in Brüssel eigentlich durchgestochen worden?

Dr. Johannes R. Gerstner: Es handelt sich nicht um einen fertigen Richtlinientext, sondern um einen Entwurf der Folgenabschätzung, mit der die Europäische Kommission die nächste Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Regeln vorbereitet. Das Dokument ist trotzdem wichtig, weil es zeigt, welche Optionen innerhalb der Kommission derzeit ernsthaft geprüft werden. Für unsere Branche fällt vor allem ein Vorschlag auf: Die Kommission erwägt einen Deckel für den Beitrag primärer fester Biomasse in privaten Haushalten. Diese Variante ist in dem Arbeitspapier sogar Bestandteil des bevorzugten Maßnahmenpakets. Deshalb sollte man das aufmerksam verfolgen, aber eben ohne so zu tun, als wäre bereits etwas beschlossen.

Was würde dieser Deckel für das Heizen mit Holz konkret bedeuten?

Gerstner: Vereinfacht gesagt geht es zunächst um Statistik und Zielerreichung. Wenn ein Mitgliedstaat künftig mehr primäre feste Biomasse in Haushalten nutzt als im Jahr 2024, soll der zusätzliche Anteil nicht mehr als weiterer Beitrag zum Erneuerbaren-Ziel angerechnet werden können. Ein einfaches Beispiel: Würde ein Land heute mit 100 Einheiten gerechnet und später bei 110 liegen, würden die zusätzlichen zehn Einheiten für diese Zielrechnung nicht mehr helfen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jemand seinen Ofen stilllegen müsste oder dass neue Öfen verboten würden. Politisch ist es trotzdem relevant, weil solche Zielsysteme beeinflussen, welche Technologien ein Staat unterstützt. Das Papier selbst weist darauf hin, dass Mitgliedstaaten gegebenenfalls auch Förderprogramme anpassen müssten.

Warum beschäftigt sich die Kommission überhaupt mit einem solchen Eingriff?

Gerstner: Dahinter stehen nachvollziehbare Fragen. Biomasse ist keine unbegrenzte Ressource, Wälder müssen nachhaltig bewirtschaftet werden, und alte, ineffiziente Feuerungen sind weder aus Sicht der Luftreinhaltung noch aus Sicht der Energieeffizienz etwas, das man politisch fördern sollte. Genau hier setzt die Kommission an. Sie will vermeiden, dass Mitgliedstaaten ihre Erneuerbaren-Ziele durch einen zusätzlichen Einsatz ineffizienter Bioenergieanlagen im Haushaltsbereich erreichen. Interessant ist aber: Die Kommission schreibt zugleich, dass der Einsatz primärer fester Biomasse in europäischen Haushalten zwischen 2015 und 2024 im Durchschnitt bereits um 6,2 Prozent zurückgegangen ist. Das ist für mich ein Grund mehr, über gezielte Qualitätsanforderungen zu sprechen statt über einen pauschalen Deckel.

Wo liegt aus Ihrer Sicht das eigentliche Problem des Vorschlags?

Gerstner: Der Ansatz verwechselt ein Stück weit die Menge des Brennstoffs mit der Qualität der Technik. Wenn das politische Problem ineffiziente Feuerungen sind, sollte man ineffiziente Feuerungen adressieren. Ein moderner Ofen mit hohem Wirkungsgrad und niedrigen Emissionen ist etwas anderes als eine jahrzehntealte Feuerstätte. Es wäre deshalb widersprüchlich, den Austausch alter Technik durch moderne Technik politisch zu begrüßen, den zusätzlichen erneuerbaren Beitrag anschließend aber pauschal statistisch zu deckeln. Dazu kommt das Basisjahr 2024. Ein historischer Verbrauchswert sagt wenig darüber aus, ob Holz in einer Region nachhaltig verfügbar ist oder wie modern der Anlagenbestand ist. Genau diese qualitativen Unterschiede sollten in einer vernünftigen Regelung eine Rolle spielen.

Was bedeutet die Diskussion jetzt für Ofenbauer, Hersteller und ihre Kunden?

Gerstner: Im täglichen Geschäft zunächst einmal gar nichts. Es gibt keine neue Vorgabe, die ein Ofenbauer morgen beachten müsste, und niemand sollte Kunden mit angeblichen Verbotsszenarien verunsichern. Das wäre sachlich falsch und politisch sogar kontraproduktiv. Für Hersteller, Verbände und die politische Interessenvertretung ist der Zeitpunkt aber wichtig, weil die entscheidenden Weichen in Brüssel häufig gestellt werden, bevor der eigentliche Gesetzgebungsvorschlag auf dem Tisch liegt. Jetzt geht es darum, verständlich zu erklären, dass die Holzfeuerung der Zukunft nicht mit dem ineffizienten Altbestand gleichgesetzt werden darf. Modernisierung, geringere Emissionen und eine sinnvolle Nutzung nachhaltig verfügbarer Brennstoffe müssen Teil der europäischen Betrachtung sein.

Welche Forderungen sollte die Branche jetzt an die europäische Politik richten?

Gerstner: Die zentrale Forderung ist aus meiner Sicht sehr einfach: keine pauschale Begrenzung nach dem Prinzip „mehr als 2024 zählt nicht“, sondern eine qualitative Betrachtung. Europa sollte moderne, effiziente und emissionsarme Technik von alten Anlagen unterscheiden und den Austausch des Altbestands ausdrücklich positiv behandeln. Ebenso braucht es eine saubere Unterscheidung der eingesetzten Brennstoffe und ihrer Herkunft, denn nachhaltige regionale Kreisläufe und Reststoffe sind etwas anderes als problematische Rohstoffpfade. Und schließlich sollten Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit und regionale Unterschiede mitgedacht werden. Holzenergie hat in einer waldreichen ländlichen Region eine andere Funktion als in einem dicht bebauten Stadtzentrum. Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, muss solche Unterschiede abbilden, statt sie mit einem einzigen historischen Deckel zu überziehen.

Ist die RED IV damit aus Sicht der Holzenergie insgesamt ein schlechtes Vorhaben?

Gerstner: Nein, so würde ich es gerade nicht darstellen. Das Arbeitspapier enthält neben dem kritischen Haushaltsdeckel auch Ansätze zur Vereinfachung von Nachhaltigkeitsnachweisen und zur besseren Nutzung lokaler Rest- und Nebenprodukte. Es wäre deshalb falsch, aus der Debatte einen grundsätzlichen Konflikt zwischen Brüssel und der Holzenergie zu machen. Wir sollten uns vielmehr konstruktiv einmischen und den problematischen Punkt sehr präzise benennen. Die Botschaft kann lauten: Nachhaltigkeit ja, Effizienz ja, Modernisierung ja – aber bitte keine Regelung, die moderne Holzfeuerung allein wegen eines statistischen Stichtags entwertet. Der eigentliche Gesetzgebungsvorschlag kommt erst noch. Genau deshalb ist jetzt der richtige Zeitpunkt, diese Argumente in Brüssel zu platzieren.

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